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Der vorfachliche Unterricht in der Berliner GrundschuleInhaltEinleitungI. Wo kann ich mich über die Konzeption informieren?II. Was ist "vorfachlicher Unterricht?"III. Was sind "Lernbereiche"?IV. Was ist "lernbereichsübergreifendes Arbeiten"?V. Wie organisiere ich Lernprozesse im vorfachlichen Unterricht?VI. Welche Konsequenzen hat die Konzeption für meinen Unterricht?VII. Was tun? Mögliches anstreben...
EinleitungSprechen wir über die Konzeption des vorfachlichen Unterrichts, so tauchen im Kreis von Lehrerinnen und Lehrern, Lehreranwärterinnen und Lehreranwärtern über kurz oder lang folgende Fragen auf:
Es
fällt teilweise auf, daß die Konzeption auch manchen "gestandenen" Lehrerinnen
und Lehrern recht wenig vertraut zu sein scheint. Dies hängt u.a.
damit zusammen, daß nicht alle in der Grundschule unterrichtenden
Kolleginnen und Kollegen auch während ihrer Ausbildungszeit im
vorfachlichen Unterricht Erfahrungen sammeln konnten. Etliche Kollegen
und Kolleginnen (Lehrer/innen mit fachwissenschaftlicher Ausbildung
in zwei Fächern) wurden an Oberschulen ausgebildet, unterrichten
inzwischen aber in der Grundschule. I. Wo kann ich mich über die Konzeption informieren?Eine geschlossene Darstellung der lernbereichsdidaktischen Konzeption gibt es nicht. Jedoch lassen sich das pädagogische Konzept und der didaktische Ansatz in einigen grundlegenden Aussagen zur Berliner Grundschule ablesen:
Darüber hinaus gibt es eine wachsende Zahl von Veröffentlichungen zum "integrierenden", "integrativen", "lernbereichsübergreifenden" Unterricht, welche den Gedanken des vorfachlichen Unterrichts vermitteln. II. Was ist "vorfachlicher Unterricht?"Vorfachlicher Unterricht der Klassenstufen 1 - 4 gliedert sich in die Lernbereiche Deutsch, Sachkunde, Mathematik, Bildende Kunst, Sport und Musik. Durch den Fachunterricht der Klassenstufen 5 - 6 wird er in der Grundschule aufgegriffen und weitergeführt. Die
besonderen Merkmale des vorfachlichen Unterrichts begründen sich Kinder
sollten mit dem Eintritt in die Grundschule den Übergang vom eher
selbstbestimmten, zufälligen Lernen zum eher fremdbestimmten,
planvollen Lernen fließend vollziehen können. Die Unterrichtsorganisation und -gestaltung orientiert sich - entsprechend der kindlichen Entwicklung im Grundschulalter - an der jeweiligen Altersstufe und am individuellen Lernentwicklungsstand der Kinder. Sie knüpft an vorschulische Erfahrungen an, ordnet diese und führt sie zum systematischen Lernen weiter. Individuelle Erfahrungen sind nicht allein Ausgangspunkt vorfachlicher Lernprozesse, sondern in den gesamten Unterricht einbezogen. Vorfachlicher
Unterricht orientiert sich an den Disziplinen der Fachwissenschaften Das bedeutet, die Unterrichtsinhalte müssen dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand entsprechen. Jedoch darf Wissenschaftorientierung nicht im Sinne einer Übernahme von Fachstrukturen universitärer Disziplinen in den Unterricht interpretiert werden. Fachspezifische Sichtweisen und Lehrgänge würden das kindliche Erleben von Welt künstlich zergliedern. Sie würden den Erfahrungen und Lernmöglichkeiten der Kinder nicht gerecht werden. Das bedeutet, die Unterrichtsinhalte müssen dem kindlichen Erleben von Welt entsprechen. (Der Begriff der Lebenswelt - zentrale Kategorie schulischen Handelns heute - wird damit zur zentralen Kategorie vorfachlichen Unterrichts.) Dabei darf Kindorientierung nicht im Sinne kindertümelnder Verkürzungen bzw. sachlich-fachlich verfälschender Vermittlungsverfahren interpretiert werden: Immer ist auf eine lernzielorientierte Planung zu achten, um die sachstrukturelle Enfaltungslogik der Inhalte nicht zu vernachlässigen. Vorfachlicher Unterricht strebt damit also eine Überwindung des revisionsbedürftigen ('kindgemäßen') Gesamtunterrichts und des propädeutischen ('wissenschaftsorientierten') Fachunterrichts an. Wege und Aufgaben der Fachwissenschaften dürfen vorfachliches Lernen nicht dominieren - gleichzeitig dürfen allerdings auch kindgerechte Vermittlungsverfahren den fachwissenschaftlichen Inhalten und Verfahrensweisen nicht widersprechen. Zusammenfassung:Vorfachlicher
Unterricht steht in einem wechselseitigen Spannungsverhältnis
von Kind - Umwelt - Wissenschaften - Gesellschaft. Vorfachlicher Unterricht
orientiert sich Dabei
darf Vorfachlicher
Unterricht leistet den Übergang III. Was sind "Lernbereiche"?Vorfachlicher Unterricht ist kein Unterricht jenseits aller Fächerung. Bei den Lernbereichen handelt es sich um Bereichsbildungen, die der Strukturierung des Unterrichts dienen. Diese sind keine fächerunabhängigen Inhaltsbereiche, aber auch keine »Vor-Fächer«.. Sie sind auch keine Inhaltsbereiche, die isoliert voneinander stehen. Lernbereiche sind vielmehr gleichermaßen an der Erfahrungswelt der Kinder wie an den Erkenntnissen der Fachwissenschaften orientiert. »Die Lernbereiche des VU sind inhaltlich abgrenzbare Bereiche des Unterrichts - die sich jedoch nicht aus dem Gesamt des entsprechenden Fachs, sondern vielmehr aus dem Gesamt der Erfahrungswelt der Schüler herleiten lassen« (Rahmenplan, B II 1) Für die didaktische Grundkonzeption des vorfachlichen Unterrichts ist die Forderung nach einer sinnvollen (d.h. kind- und sachgerechten) Verbindung unterschiedlicher Lerninhalte eines Lernbereichs bzw. unterschiedlicher Lernbereiche miteinander kennzeichnend. Die Lernbereiche sind zwar eigenständig in der Stundentafel verankert, die Möglichkeit einer flexiblen Handhabung ihrer zeitlichen Gewichtung wird dabei jedoch explizit betont. In den Rahmenplänen stellen sich die Lernbereiche zwar eigenständig dar, die Forderung nach einer kind- und sachgerechten Vernetzung unterschiedlicher Lernbereiche wird jedoch explizit betont. Denn Kinder erleben in ihrem Alltag stets Zusammenhänge (denkend, sprechend und handelnd). Sie nehmen ihre Lebensbezüge nicht »aufgefächert« wahr. IV. Was ist "lernbereichsübergreifendes Arbeiten"?Es
gilt, die sprachlichen, sachlichen, mathematischen sowie musisch-ästhetischen
Aspekte, die einem Lerngegenstand eigen sind, nicht künstlich
auf einen Betrachtungsaspekt hin zu isolieren. Eine künstliche
(fachorientierte) Verengung der Aspektvielfalt widerspricht dem didaktischen
Prinzip vorfachlichen Unterrichts. Diese Verbindung unterschiedlichere Sichtweisen kann sowohl in einer Verbindung von Inhalten eines Lernbereichs als auch in der Verbindung von Inhalten verschiedener Lernbereiche erfolgen. Beispiele:
Lernbereichsübergreifendes Arbeiten ist realisierbar, wenn:
"Die
für die einzelnen Lernbereiche innerhalb des vorfachlichen Unterrichts
angegebenen Wochenstundenzahlen sind Richtwerte für die einzelnen
Lernbereiche innerhalb eines Schuljahres." (Grundschulordnung) "Ein flexibler Umgang mit dem '45-Minuten-Takt' bietet sich insbesondere im vorfachlichen Unterricht an." (Rundschreiben 66/1990) V. Wie organisiere ich Lernprozesse im vorfachlichen Unterricht?Die entwicklungspsychologische Situation der Kinder, ihr Erleben und Auffassen erfordern es, Lerninhalte verbunden und nicht isoliert darzubieten. Die künstliche verengte Aspekthaftigkeit einer fachlichen Zugriffsweise auf die Lerninhalte, eine fachsystematische Gliederung widerspräche dem kindlichen Erleben und Betrachten der Umwelt. Vorfachlicher Unterricht geht von kindgemäßen Situationen, von für Kinder erfahrbaren Wirklichkeitsausschnitten aus, in denen Phänomene zu betrachten sind, welche die isolierte Sichtweise nur einer Bezugswisssenschaft sprengen würden. Vorfachlicher Unterricht berücksichtigt die Lebenssituation und die Lernvoraussetzungen der Kinder (dieser Kinder, dieser Lerngruppe), weshalb Lernen für sie einsichtig und sinnvoll wird. (Bei Lerninhalten, die an die Erfahrungen und Kenntnisse der Kinder anknüpfen und die im vorfachlichen Unterricht ausdifferenziert und strukturiert werden sollen, ist eine - zunehmende - Beteiligung der Lernenden an der Planung vorzunehmen.) Einschränkend gilt:
Lerngegenstände sind - unter Beachtung ihrer sachimmanenten Struktur - stets planvoll und zielorientiert aufzubereiten. Lernprozesse müssen - auch in Teilzielen - nicht nur kindgerecht, sondern stets auch sachgerecht konzipiert sein. Typische Elemente der Lernorganisation im vorfachlichen Unterricht sind:
Einbeziehung von Verfahren der Binnendifferenzierung und Individualisierung (in methodischer, qualitativer und quantitativer Hinsicht). VI. Welche Konsequenzen hat die Konzeption für meinen Unterricht?Die Lernbereiche des vorfachlichen Unterrichts unterscheiden sich durch die Nachrangigkeit des Fachlichen prinzipiell und deutlich vom Fachunterricht. 1. Sachkundeunterricht ist kein Fachunterricht"Die Sachkunde ist mit dem Lernbereich Deutsch wechselseitig verknüpft: Sachkundliche Inhalte lassen sich nicht ohne sprachliche Kompetenz erschließen, ebenso ist Sprachhandeln ohne konkrete Sacherfahrung nicht möglich." (Vorläufiger Rahmenplan Vorfachlicher Unterricht, Sachkunde, S. 3) 2. Deutschunterricht ist kein Fachunterricht"Die Aufgaben des Deutschunterrichts müssen von allen Lernbereichen und Fächern aufgenommen und ergänzt werden; (...). Eine besonders enge wechselseitige Verknüpfung findet zwischen den Inhalten der Sachkunde und dem Deutschunterricht statt." (Vorläufiger Rahmenplan Deutsch, S. 1) "Ziele und Aufgaben der Teilgebiete (des Deutschunterrichts) sind wechselseitig aufeinander bezogen. Darum darf der Unterricht, der dem Prinzip des verbundenen Sprachunterrichts folgt, die Teilgebiete nicht isoliert behandeln. Aufgabe des Lehrers ist es, in eigener Verantwortung Unterrichtseinheiten so zu planen, daß eine Verknüpfung der Teilgebiete hergestellt wird." (Vorläufiger Rahmenplan Deutsch, S. 6) Insbesondere die Lernbereiche Deutsch und Sachkunde sind zwingend aufeinander bezogen und miteinander verbunden: Lerninhalte und Lernziele der Teilbereiche des Deutschunterrichts (Mündlicher Sprachgebrauch, Lesen, Rechtschreiben, Texte Verfassen, Sprachbetrachtung) sind zielorientiert in die sachkundlichen Lern- und Arbeitsvorhaben zu integrieren. Lerninhalte und Lernziele der Sachkunde sind planmäßig in Sprachlernprozesse zu integrieren. Zentrale
Aufgabe der Unterrichtsplanung im vorfachlichen Unterricht ist damit
also die sinnvolle (kind- und sachgerechte) Verbindung von Inhalten
und Zielen verschiedener Lernbereiche. Dabei sind die Lernbereiche
Deutsch und Sachkunde als Kernbereich des vorfachlichen Unterrichts
zu verstehen. Diese Verbindung sollte ohne sachliche »Verbiegungen«,
ohne zwanghafte und künstliche Vernetzungen hergestellt werden.
Die sachstrukturellen Besonderheiten, die Erfahrungswelt und die Lerngesetzmäßigkeiten
der Kinder gilt es zu beachten. Insbesondere für den Sachkundeunterricht ist zu berücksichtigen, daß Sachverhalte erst mit Hilfe von Sprachhandeln in ihrer Komplexität erfaßt und begrifflich entwickelt werden. Dieses Sprachhandeln gilt es - in Orientierung an den Inhalten und Zielen des Lernbereichs Deutsch - planmäßig zu thematisieren und zu erweitern. 3. Vorfachlicher Unterricht ist differenzierender und individualisierender UnterrichtVorfachlicher
Unterricht hat die Aufgabe, Kindern grundlegende Fähigkeiten und
Kenntnisse so zu vermitteln, daß sie ihren Erfahrungen und Lebensbedingungen
angemessen sind. »Grundschule
orientiert sich an den zunehmend unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen
der Kinder und hat deshalb durch vielfältige Differenzierung und
Individualisierung auf die individuellen Verhaltensweisen, Lernfähigkeiten
und Lernbedürfnisse des einzelnen Kindes einzugehen.« Im Unterricht der Grundschule sollten Kinder sich selbst, ihre Umwelt, ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen und ihre Fragen wiederfinden und erweitern können. Sie sollten Ich-Identität und Ich-Autonomie ebenso wie Sozial- und Sachkompetenz ausbilden bzw. erweitern. Sie sollten grundlegende Fähigkeiten und Kenntnisse erwerben, das Zusammenleben erproben und das Lernen lernen. »Ein handlungs- und erlebnisorientierter Unterricht bietet Möglichkeiten zum entdeckenden, selbstgesteuerten Lernen und Handeln sowie zum verbundenen Sprach- und Sachlernen, wobei auch geöffnete und kooperative Formen diesen Unterricht unterstützen.« (Rundschreiben Schul III, 66/1990) Der Weg, welcher zum Entstehen einer Erkenntnis führt, ist ebenso wichtig zu nehmen wie die Erkenntnis selbst: Ohne Fundament ist jeder Verstehensprozeß gefährdet. (Frühes Einprägen abstrakter Begriffe (sinnleerer Worte) ist deshalb insbesondere im Sachkundeunterricht zu vermeiden. VII. Was tun? Mögliches anstreben...Unterrichtskonzepte
geben stets Idealvorstellungen wieder. Im Schulalltag fließen
diverse Faktoren ein, die idealtypische Konstellationen beeinträchtigen,
wenn nicht gar behindern. Nichtsdestotrotz sollten sie als Handlungsaufgaben
und -ziele vor Augen sein! Die Vorgaben des Stundenplans (wie auch
des Ausbildungsunterrichts) und des schulischen Organisationsrahmens
engen die Gestaltungsmöglichkeiten im Schulalltag zwar mitunter
ein (Teilungsstunden, Turnhallenbelegung, Teilzeitkräfte, Pausenklingel)
- sie machen eine Berücksichtigung der Prinzipien vorfachlichen
Unterrichts aber keinesfalls unmöglich. Leitlinie
für die Stundenverteilung sollte sein: Also Lesen
und »denken« Sie die Inhaltsbereiche und Ziele der Rahmenpläne
Deutsch und Sachkunde für ihre Klassenstufe immer parallel!
Die Unterrichtskonzeption setzt zwingend voraus, daß Lehrer/innen sich sensibel und mit den Lernbedürfnissen der Kinder sowie planmäßig mit der Sachstruktur der Lerngegenstände auseinandersetzen. Dazu müssen sie ihre fachliche, lernbereichsdidaktische und pädagogische Kompetenz konsequent erweitern. Stellen
Sie Verbindungen her, wo immer diese den Kindern einsichtig, vom Lerngegenstand
betrachtet sachstrukturell logisch und nicht verfälschend sind
oder krampfhaft wirken!
Dagmar Wilde 1992 überarbeitete Fassung 1998
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©opyright Dagmar Wilde, Berlin, April 2001 letzte Aktualisierung 13.11.2006Sofern
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