
Beeindruckend
an der Mark-Twain-Schule ist schon das Äußere: ein vergleichsweise
riesiges Gelände mit zwei großen Neubauten und in der Mitte des
Geländes das gerade komplett renovierte alte Schulgebäude. Mit
der Renovierung wurden Netzwerkkabel zu allen Räumen gelegt, so können
nun alle Klassenräume miteinander vernetzt werden. Leider wurde diese
Möglichkeit in den Neubauten nicht vorgesehen – man wundert sich über
die Kurzsichtigkeit...
Das Team der Mark-Twain-Schule hält sich offenbar mit diesen Widrigkeiten
wenig auf, lamentiert nicht und wartet auch nicht auf bessere Zeiten, sondern
nutzt pragmatisch die jetzigen Möglichkeiten.
Wir
haben uns auf exemplarische Einblicke in die Arbeit beschränkt:
In einem kleinen Differenzierungsraum unweit vom Klassenzimmer stehen drei
Kisten. Davor sitzt je ein Kind der dritten Klasse, unbetreut und ganz alleine.
Früher wurde wohl dieser Raum ab und zu von Eltern betreut, jetzt ist
das nicht mehr nötig, denn die Drei sind ganz konzentriert bei der Arbeit
und lassen sich durch unseren Besuch auch nicht stören. Sie sind beschäftigt
mit der Gut-Lernsoftware und versuchen mit richtig ausgefülltem Lückentext
Punkte zu sammeln. „Die Lehrerin sucht am Anfang drei Kinder aus, die
zuerst an die Computer dürfen, dann geht das reihum. Wenn wir fertig sind
oder keine Lust mehr haben, kommen die nächsten dran“, erklärt
eine Schülerin. So oder so ähnlich wird das wohl sein, zumindest
ist das Arbeiten am Computer für die drei selbstverständlich, also
nichts Besonderes. Weder besondere Belohnung und schon gar nicht Strafarbeit,
eben alltäglich. Und so selbstständig arbeiten die drei auch.
Im Englischunterricht kann die halbe Klasse die Computer nutzen. Dort stehen
8 Computer in einem durch Scheiben vom Sprachlabor abgetrennten schmalen Raum,
bei unserem Besuch nutzt eine sechste Klasse den English coach multimedia.
Paarweise arbeiten die Schülerinnen und Schüler, der Lehrer geht
von Platz zu Platz und schaut über die zusammengesteckten Köpfe auf
die Monitore. Die andere Hälfte der Klasse lernt auch paarweise aber ganz
unelektronisch: Es wird von den Karteikarten Deutsch oder Englisch vorgelesen,
das Gegenüber muss übersetzen. Auch diese Schüler arbeiten sehr
selbständig im recht leeren Klassenraum und nutzen die lehrerlose Zeit
tatsächlich zum Lernen, eine sehr ruhige Atmosphäre. Offenbar gibt
es feste Gruppen, die abwechselnd an den Kisten arbeiten dürfen. Ein „Karten-Schüler“ meint,
dass zwar das Arbeiten am Computer besser sei und mehr Spaß mache, „aber
wenn man durch das Programm durch ist, wird es doch langweilig“.
Eine andere Klasse ist damit beschäftig, ihre Klassenreise in Form einer
Klassenreisenzeitung nachzubereiten und zu dokumentieren. Die eigenen Texte
werden mit Fotos der Reise illustriert. Im Klassenraum stehen zwei Computer,
jeweils paarweise besetzt. Der Rest der Klasse kann den Computerraum nutzen.
Auch hier wird an einigen Geräten paarweise gearbeitet. Die Klassenreiseberichte
wurden per Hand vorgeschrieben und vom Lehrer kontrolliert, die Fehler angestrichen.
Jetzt werden sie in den Computer eingegeben, bei Partnerarbeit liest der Partner
vor und hilft die Fehler zu berichtigen, denn die automatische Rechtschreibhilfe
ist ausgeschaltet. Der Lehrer ist zwar im Raum, aber er unterstützt recht
unauffällig. Obwohl er die Möglichkeit hat auch von einem bestimmten
Computer aus in alle anderen Kisten zu schauen und virtuell den Stand der Arbeit
zu kontrollieren, macht er sich die „Mühe“, auf Hilfeanforderung
zu den Plätzen zu gehen. Ein alleine arbeitender Schüler nutzt gerne
das Gespräch mit dem Hospitanten und erklärt seine Arbeitsschritte,
wo er seine Bilder findet und wie er die in den Text setzen kann. Tippen findet
er „öde“ und er tut sich offensichtlich auch sehr schwer damit.
Allerdings ist es für ihn in Ordnung, die Texte vorher per Hand zu schreiben, „dann
kann sie der Lehrer kontrollieren und sagen, was falsch ist, bevor man die
Zeitung macht“. Von außen betrachtet stellt sich schon die Frage,
ob das direkte Eintippen der Texte, also auch schon das Entwickeln der Texte
am Computer nicht nur Arbeitsschritte spart, sondern auch systematischer in
die Computerarbeit einführt.
Parallel
zu dieser Hospitation wurde in einer anderen Klasse die Berlin-Wahl 2001
um 2 Tage vorgezogen, die Schüler konnten ihre Stimme abgeben. Die Stimmen
wurden ausgezählt und das Ergebnis ausgewertet, natürlich ganz
professionell per Kuchendiagramm.
Zum Schluss stellt Herr Klapp, der „Macher“ der Mark-Twain-Schule,
die jüngsten Projektergebnisse vor. Besonders bemerkenswert ist das „Playback-Projekt“:
Zwei Klassen hatten die Möglichkeit, ihre Lieblingssongs und die ihrer
Eltern mitzubringen, diese einzustudieren, eine Bühnen-Choreographie zu
entwickeln und einzuüben und dazu als Bühnenbild ein Plakat zu entwickeln.
Auf einer öffentlichen Veranstaltung wurden die Künstler live auf
die Bühne gebracht, jeweils das passende Plakat als Bühnenbild per
Beam projiziert, eine Live-Kamera übertrug ihr Bild auf eine zweite Projektionsleinwand
und alles zusammen wurde per Video aufgezeichnet. Diese Aufzeichnungen hat
Herr Klapp inzwischen bearbeitet und verlinkt und sie in der Projektdokumentation
direkt abrufbar gemacht. Dass so ein Medienprojekt alle Beteiligten herausfordert,
Stress produziert, motiviert und alle zu Glanzleistungen trägt ist deutlich
zu sehen. Ein best practice-Beispiel für umfassende Medienarbeit und zur
Nachahmung empfohlen – allerdings mit großen Aufwand verbunden,
der sich übrigens noch beliebig vergrößern lässt.
Seit kurzem bastelt Herr Klapp auf der Schulhomepage neben aktuellen Infos
zur Schule und der Vorstellung von abgeschlossenen Projekten auch Themenseiten,
Rätsel und andere unterhaltsame und lehrreiche Angebote. Man merkt, dass
ihn die Begeisterung durch die Überstunden, Wochenenden und Nachtarbeit
trägt. Nur so kann man die Möglichkeiten der neuen Medien erkunden,
ausprobieren, nutzen und Ideen für unterrichtliche Anwendungen und Projektarbeit
entwickeln. Seine Begeisterung scheint einige Kolleginnen und Kollegen mitzuziehen.
Noch ist er der Einzige, der so umfassend und intensiv die Möglichkeiten
der Neuen Medien im Schulalltag nutzen kann. Natürlich dürfen noch
mehr und intensiver in die Arbeit einsteigen und vielleicht gelingt es, im
Kollegium die gleiche Selbstverständlichkeit und Selbständigkeit
zu entwickeln, wie sie bei den Schülerinnen und Schülern schon zu
sehen ist.
Michael Vallendor, Hamburg