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Dagmar
Wilde
IX, 2. Schulpraktisches Sem. (L)
Fachseminar für vorfachlichen Unterricht
Februar 1994
Konzeptionelle Grundlagen
des Sachunterrichts:
Einige Thesen
Quellen:
Mayer, Werner G.: Der Sachunterricht Teil I. Anthropologie und Pädagogik.
Heinsberg 1993.
Mayer, Werner G.: Der Sachunterricht Teil II. Unterricht und Erziehung.
Heinsberg 1993.
Lernen im Grundschulalter
1980
begann Neubesinnung über die Weltauffassung (Wahrnehmungs-, Denk-
und Lernprozesse) 6 - 10 jähriger Kinder:
Kinder
sehen die Welt nicht durch Fächer, durch die "Brille der Wissenschaft"
(Oswald Kroh), sondern sammeln Erfahrungen und gewinnen ihre Erkenntnisse
in ganzheitlichen, komplexen Ausschnitten aus ihrer Lebens-(Alltags-)wirklichkeit
("Sinnprovinzen", Karl R. Popper).
Dies macht ein fächervermeidendes, mehrsperspektivisches Unterrichtsarrangement
erforderlich. Sachunterricht ist keinesfalls nur als elementarisierter
Fachunterricht zu verstehen, sondern als ganzheitliche Weltorientierung
für die Altersstufe.
Keinesfalls kommen bereits
Lernprozesse in Gang, indem Kinder im Sachunterricht mit einer "Sache"
aus der Umwelt nach Wahl Erwachsener räumlich und zeitlich nur möglichst
nah konfrontiert werden. Mayer merkt an, "...daß es bei "Sachunterricht"
keineswegs nur um eine linear-kognitive Informationsvermittlung über
"Sachen" aus der Erwachsenenwelt geht, die für Kinder als "wichtig"
angesehen werden, sondern daß es sich um einen für jedes Kind
je individuellen Ausgliederungsprozeß handelt, in dem "Sachen" aktualgenetisch
entstehen durch Identifikation, Abstraktion und Definition (aktualgenetische
Objektgenese). Damit kann mit J. Piaget und H. Aebli festgehalten werden:
Das Kind gewinnt "Umwelt" und "persönliche Wirklichkeit" nur in handelnder
Bewältigung, indem es "ein-greift" und "ein-wirkt". Im Zugriff auf
die Umwelt formt sich gleichzeitig auch die ausgreifende Hand; sein "Wirk"-lichkeit!"
(Mayer I, S. 73)
Lernen in der Schule
Erweiterter
Schulbegriff: Grundschule ist nicht mehr Lehranstalt zum Transport von
Nutz- und Brauchwissen, sondern ein auf Erziehung und allseitige Entfaltung
der kindlichen Persönlichkeit ausgerichteter Lebens- und Lernort.
"...man
wird sich nicht beruhigen können mit der Frage "was" (Stoff) und
"wie" (Methode) unterrichtet wird; das "warum" und "wozu", die Frage nach
dem "Sinn" von Schule heute, wird sich zunehmend in den Vordergrund der
Diskussion drängen..." (Mayer I, S. 54)
"Inhalt
und Ziel des Sachunterrichts ist also nicht "das-Ding-an-sich", sondern
"die-Welt-für-mich"!" (Mayer I, S. 74)
Leistungsbegriff
Leistungserziehung ist nicht
mehr nur produktionsorientiert, sondern immer auch anstrengungs- und verfahrens-,
prozeßorientiert mit individualisierenden und differenzierenden
Arbeitsverfahren zu verfolgen.
Es geht nicht vorrangig darum, "meßbare" Leistungen zu erzielen,
sondern darum, die Leistungsbereitschaft zu entfalten, den Leistungswillen
zu stärken und die Leistungsfreude zu sichern.
Lernbereiche
Sachunterricht
ist nicht Fach, sondern Lernbereich: fächerübergreifender Aspekt
von Lernbereichen.
Allerdings
unter deutlicher Abgrenzung zu einem falsch verstandenen, überholten
Gesamtunterricht, der eine falsch verstandene Stoffkomposition mit Vollständigkeitsanspruch
implizierte. Sachunterricht darf nicht als additiver "fächerübergreifender"
Unterricht mißverstanden werden, in dem zu einem Gesamtthema alle
Fächer ihren "passenden" Beitrag liefern.
Vielmehr
gilt es ein
-
zur
Bewältigung der Lebenswirklichkeit dieser Kinder bedeutsames
Handlungsfeld
-
aus
der Umwelt dieser Kindes
-
in
einem für diese Altersstufe überschaubaren Gesamtzusammenhang
-
unter
fachlich einwandfreien Arbeitsverfahren, Arbeitstechniken und Arbeitshaltungen
und
-
unter
Entfaltung fachadäquater Auffassungs- und Denkweisen
zu
bearbeiten.
Inhalte des Sachunterrichts
Weiterentwicklung des
Lernbereichs Sachkunde
Es
geht nicht mehr um bloße Unterrichtung, um Information über
Sachen und handlungsorientierte Anweisung zum fachgerechten Umgang mit
Sachen, sondern um umfassende Hilfe zum Erwerb individueller Handlungskompetenz
in der spezifischen Umwelt des Kindes.
Inhalte
des Sachunterrichts sind aus der Umwelt der Kinder entlehnt und von ihr
bestimmt. Aufgabe des Sachunterrichts besteht in einer zielgerichteten
Erschließung der Umwelt für das Kind, deren Ergebnis ein zunehmend
bewußtes Auffassen von Erscheinungen und Vorgängen in der Natur,
im Zusammenleben von Menschen, in Arbeit und Technik, im Raum und in den
Beziehungen zum eigenen Körper ist.
Sachunterricht
wendet sich nicht mehr nur "Sachen" (Gegenständen, Objekten) zu -
vielmehr setzt er sich (auch) mit Menschen, Vorgängen, Ereignissen
ihres Lebens in der komplexen Lebenswirklichkeit des Kindes auseinander.
"Weltorientierung" oder "Umweltorientierung" wäre somit dem Begriff
Sachunterricht vorzuziehen. (Personen sind keine "Sachen")
Auch
sollte es besser Sach"unterricht" heißen als Sach"kunde", denn es
geht nicht nur um ein Kundig-werden, nicht nur um ein Reden über
Sachen, sondern um ein Umgehen mit ihnen.
Im
Sachunterricht geht es nicht mehr (nur) um bloße Perzeption - um
Aufnahme von Nutz- und Brauchwissen -, sondern um Prägeprozesse für
die Persönlichkeitsentfaltung des Kindes.
"Der Sachunterricht ist kein Informationstransport von bloßem Nutz-
und Brauchwissen, sondern Bestandteil eines "ganzheitlichen" Bildungsprozesses.
(Mayer I, S. 46)
Arbeitsformen
und Arbeitsverfahren (als fachlich einwandfreie Methoden) des Sachunterrichts
sollen Kindern zur selbständigen, handelnden Erarbeitung der "Sachen"
(Phänomene, Personen, Ereignisse, Vorgänge) verhelfen und gleichzeitig
durch Entwicklung des Arbeits- und Sozialverhaltens im Sinne eines erziehenden
Unterrichts der Persönlichkeitsentwicklung dienen.
Auf
Grund der Veränderung der Lebenswirklichkeit der Kinder ist Sachunterricht
immer offen für Veränderungen.
Wissenschaftsorientierung
Ein
jahrzehntelang von Lehrerinnen und Lehrern praktizierter Gesamtunterricht
- mit seiner Beschränkung auf geographisch-biologisch orientierte
Inhalte, seinen sachlichen Verfälschungen und Kindertümeleien
aus Erwachsenensicht - wurde abgelöst durch einen sog. wissenschaftsorientierten
Unterricht, der nur bisher fehlende Fächer (Technik, Physik, Chemie,
Politik, Wirtschaft, Sozialwissenschaften) zu integrieren versuchte: Eine
verhängnisvolle Fehlentwicklung, die im Widerspruch zu Forschungsergebnissen
der Entwicklungspsychologie, der Wahrnehmungs- und Lernpsychologie dieser
Altersstufe und didaktischen Konzeptionen des Sachunterrichts stand. Eine
bloß additive Kompilation von Unterrichtsinhalten isolierter Einzelfächer
vermag der Aufhellung von Sach-, Person- und Sinnzusammenhängen in
der Lebenswirklichkeit der Kinder nicht zu dienen.
Anzustreben ist vielmehr eine zwar wissenschaftsorientierte, aber dennoch
fächervermeidende didaktische Strukturierung und Begründung
der Lernbereiche in der Grundschule
Inhaltsorientierte
Lernziele - ebenso verfahrensorientierte Lernziele (sachangemessene und
fachgerechte Arbeitsverfahren und -methoden) - dürfen nicht verniedlichend
und sachverfälschend abgefaßt sein: alle Informationen über
Sachen, Personen und ihr Beziehungsgefüge müssen wissenschaftlich
widerspruchsfrei sein - wenn auch auf die intellektuelle Kapazität
der Altersstufe reduziert.
"Während
die inhaltsorientierten Lehrzielplanung sich nach dem komplexen Angebot
der Umwelt und dem spezifischen Lernprozeß der Kinder dieser Altersstufe
richtet, zielen die Arbeitsmethoden auf spätere Fächer, ohne
diese jedoch in unangemessener Verfrühung in die Grundschule als
Ordnungssystem vorzuziehen." (Mayer I, S. 53)
Entwicklung
einer Frage-Kultur, Staunen und Sich-Wundern-Können geht jedem "Aha-Erlebnis"
im Copeischen Sinne voraus. "Das Findenkönnen von Problemen und das
Formulierenkönnen von Fragen (auch wenn keine Lösungen und Antworten
dem Lehrer zur Hand sind), gehören zum Fundament jeder "Wissenschaftsorientierung"."
(Mayer I, S. 58)
Wissenschaftsorientierung
des Sachunterrichts meint, daß Unterricht
"...a) die Ergebnisse der
anthropologischen Grundwissenschaften (aus Pädagogik, Psychologie,
Soziologie, Politik, Philosophie) für die Wahrnehmungsweise, die
Lern- und Denkprozesse und das Arbeits- und Sozialverhalten des 6-10jährigen
Kindes dem Unterricht zugrunde legt, und
b) daß der Sachunterricht Denk- und Arbeitsweisen, Arbeitstechniken
und Arbeitsformen vermittelt, die auf die späteren Fächer als
Wissenschaftssystem hinführen, nicht aber daß die Kinder in
diesem Alter "Wissenschaft" treiben sollen und dies etwa gar unter Beschränkung
auf bloße kognitive Dimensionen (und dann auch noch unter Amputation
ihrer emotionalen Bedürfnisse?)" (Mayer II, S. 18)
Kindorientierung
Das Kind mit seiner altersspezifischen
Lebensart und seinen entwicklungspsychologisch bestimmten Eigenarten steht
im Mittelpunkt der schulischen Arbeit. Jeder Unterricht muß Erkenntnisse
der Entwicklungs-, Wahrnehmungs-, Denk-, Lern- und Sozialpsychologie berücksichtigen.
Lernen im Sachunterricht
Unmittelbare,
möglichst physische Konfrontation mit der Sache selbst ("Wahr"-nehmung)
sollte Ausgangspunkt der Lernsituation sein (z.B. Vermutungen, Vorerfahrungen
im Kreisgespräch), somit spezielle ebenso wie diffuse außerschulische
Vorkenntnisse berücksichtigen.
Die erste Begegnung mit der Sache erfolgt nach phänomenologisch orientierten
und entwicklungspsychologisch bedingten Aspekten - nicht nach fachspezifischer
Ordnung.
Daran schließt sich eine Planungsphase (Arbeits-, Erkundungs-, Forschungsaufgaben)
an, dann eine Explorationsphase (Informationen beschaffen), dann eine
Objektivationsphase (Informationen auswerten und verarbeiten) und Produktionsphase
(Notizen, Zeichnungen, Plakate, Lehrwanderung etc. gestalten) sowie auswertende
eine Diskussionsphase (Erkenntnisse sichern, Vorwissen klären, Ergebnisse
kontrollieren, Arbeitsprozeß reflektieren)
Lehr-Lern-Schritte
somit:
Innovationsphase
Explorationsphase
Objektivationsphase
Diskussionsphase
Integrationsphase
Buch
Sachunterricht darf primär
kein bloßer Buchunterricht sein. Karteien sind noch eher geeignet.
"Sach-Bücher" sollten das Ergebnis des Unterrichtes sein, nicht aber
gekaufte Vorlagen für den Unterricht!" (Mayer II, S. 53)
Handlungsorientierung
Handlungsfelder sind Kindern
zugängliche Interaktions- und Kommunikationsfelder, deren Bezugsrahmen
die Alltagswirklichkeit - nicht ein Wissenschaftssystem - ist: Die methodische
Forderung nach Handlungsorientierung ist demnach immer auch didaktisch
bedingt. Aufgabe des Sachunterrichts ist es, dem Kind nicht isolierte
Sachverhalte, sondern das Beziehungsgeflecht zwischen Personen, Sachen
und Situationen transparent zu machen.
Ziele des Sachunterrichts
/ Lernertrag
Lernzuwachs
besteht in dem, was Unterricht an Kenntnissen, Fertigkeiten, an Handlungsfähigkeit
des Kindes für die Bewältigung von Realitäten außerhalb
der Schule erbringt. Ziel des Sachunterrichts ist die Entwicklung von
Handlungskompetenz - nicht die bloße Vermittlung von Sachwissen.
"Bewährungskriterium
des Sachunterrichts ist also nicht bloß (abfragbares) Wissen, sondern
die handlungsorientierte Anwendung in der Alltagswirklichkeit." (Mayer
I, S. 78)
Die
Interdependenz von
-
Sachkompetenz
(Fakten- und Erklärungswissen),
-
Fachkompetenz
(sachgemäße, fachmethodisch stimmige Arbeitsverfahren,
-techniken, Verhaltens- und Denkformen),
-
Sozialkompetenz
(gesellschaftliches Orientierungswissen und sozial-integrative Verhaltensformen),
-
kommunikativer
Kompetenz (konfliktfreier Austausch),
-
kulturell-zivilisatorischer
Kompetenz (Interpretation und Einordnung von Fakten nach ihrem kulturell-zivilisatorischen
Stellenwert)
konstituiert
Ziele des Sachunterrichts.
Dagmar
Wilde / Seminarpapier Fachseminar VU / 02/94

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