Dagmar Wilde / Seminarpapier FS VU
Mai 1995


Überlegungen zum Rahmenplan Sachkunde


Didaktische Grundkonzeption

Bezugspunkte

  • die konkrete Lebenswelt der Kinder (ihre Erfahrungs- und Handlungsbereich, ihre Gefühle und Denkweisen),
    Erschließung der Lebenswelt der Kinder vollzieht sich - wo immer möglich - in konkreten Situationen, an konkreten Dingen, Sachverhalten, Lebewesen. Anschauliche Medien treten ergänzend hinzu, um Abstraktion und Begriffsbildung sukzessive anzubahnen/zu erweitern

  • Situations- und Handlungsorientierung des Lernens:
    ganzheitlicher, erlebnisbetonter und handlungsorientierter Zugriff auf Lerngegenstände (Abkehr von Orientierung an Strukturen der Fachwissenschaften)

  • lernbereichsübergreifendes Arbeiten, Verbindung von Sach- und Sprachlernen

Probleme

Themenauswahl und -anordnung

  • Die Plazierung einiger Themen in den jeweiligen Klassenstufen erscheint fragwürdig, es wird nicht deutlich, inwiefern einzelne Themen der Lebenserhellung und -deutung dienen.
    (Heizung im 1. Schuljahr, ohne Bereich des Messens zu entfalten / Medien wären ggf. evtl. im 4. Schuljahr fundierter zu bearbeiten.)

  • Themen zur Entwicklung des Zeitverständnisses, der historischen Dimension sind bis Kl. 3 unterrepräsentiert.

  • Es existiert ein überproportional hoher Anteil textiler Themen (dekorative Gegenstände).

  • Inhaltskanon des 4. Schuljahres wirkt überfrachtet. Die Themen sind nicht als Bestandteile umfassender Sinnzusammenhänge entfaltet (Das verkehrssichere Fahrrad, Taschenlampe, Haushuhn)

  • Die Anlage der klassenstufenbezogenen Teils führt zu Fehlinterpretationen: Lerninhalte und Lernziele transportieren den Charakter eines Stoffverteilungsplans. Themenlisten verleiten - additiv gelesen - zur isolierten Behandlung einzelner Inhalte und zur Übernahme der Teilziele - ohne Reflexion der Sachstruktur.

  • Es wird nicht deutlich genug akzentuiert (z. B. durch grafische Präsentation), daß es sich bei den Themen um "Bausteine" handelt: entsprechend der spezifischen situativen Bedingungen einer Lerngruppe können Themen in anderen Sinnzusammenhängen für die Kinder bedeutsam werden können.

  • Es wird nicht deutlich genug akzentuiert, daß Themen miteinander sowie mit Teilbereichen des Du und anderen Lernbereichen des VU zu verzahnen sind. Der Eindruck von Vereinzelung und Festschreibung der Anordnung der Inhalte sowie eines unbestimmten Verhältnisses der übergreifenden Ziele zueinander vermittelt kein Denken in Zusammenhängen.

    Umgang mit Medien: Klassenzeitung, Sprachbetrachtung, Sprache der Schlagzeilen, Herstellung von Bild- und Tondokumenten im Zusammenhang mit anderen Themen (Zoo, Wohnviertel...)

    Gemeinsam spielen kann historische Dimension eröffnen - wenn Lehrer/innen dies "sehen" (Kinder früher, Spiele früher, Leben früher), ebenso wie Verbindungen zur Orientierung im Wohnviertel (Spielplätze heute, Wohnen heute - Spielplätze früher - Wohnen früher)

    Zahnpflege: gemeinsame Mahlzeit - Figuren und Gegenstände formen (Zahn)

    Figur aus Stoff könnte ein Zootier sein

    Trink- und Abwasser impliziert Kartenarbeit, Erkundung in der Stadt, Versuche zur Filterwirkung, Umweltbewußtsein im Haushalt

    Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel impliziert Planen gemeinsamer Ausflüge (Erholungsstätten in Berlin), Orientierung in Karten,

    Körperliches Wachstum und soziale Entwicklung impliziert soziales Lernen, rollen- + geschlechtsspezifische Verhaltensweisen, hist. Dimension i. S. der eigenen Geschichte

    Versorgung Berlins mit Nahrungsmitteln eröffnet geographisches Lernen (Erdteile, Herkunftsländer) ebenso wie soziale Erfahrungen (Kulturen, Lebensformen, Reiseerfahrungen)

    Gemeinsam spielen könnte mit allen zu behandelnden Themen sinnvoll verbunden werden, müsste nicht isoliert stehen

    Kind und Familie / Geburt und Wachstum eines Kindes könnten vernetzt werden

Teilpläne vs didaktische Grundkonzeption

  • Es ist nicht deutlich zu erkennen, ob und in welcher Weise Ziele und Inhalte verschiedener Themen aufeinander bezogen sind.

  • Die Anordnung der Themen suggeriert die Aneinanderreihung von Häppchenwissen. Es wird nicht deutlich akzentuiert, daß Lernen und Kompetenzwerwerb nicht durch Wissensanhäufung geschehen.

  • Themen transportieren bei oberflächlicher Betrachtung eine einseitig fachliche Sichtweise, erst eine Interpretation der Lernziele eröffnet z.B. naturwissenschaftliche, historische, soziale Inhaltsaspekte. Es wird nicht deutlich, inwieweit Wirklichkeitserhellung mit dem Erwerb lebenspraktischen Wissens und Könnens verbunden wird.

    3. Schuljahr:
    Straße als Verkehrs- und Lebensraum: Vegetation, Autos heute und früher, Umweltgefahren durch Verkehr, Kartenarbeit...
    Bau einer Beleuchtungsanlage: nicht ohne grundlegende Erfahrungen zum elektrischen Stromkreis möglich...
    Umgang mit Nahrungsmitteln: Einkaufen heute und früher, Zahlungsmittel heute und früher, technische Geräte heute und früher (Kühlschrank, Mikrowelle etc.)
    Orientierung im Wohnviertel: Umgang mit Plan und Karte, Erkundungen und Interviews, Straße als Lebensraum
    Werkzeuge und Maschinen bei handwerklichen Arbeiten: Berufe heute und früher, Arbeitsplatzerkundung (Baustelle)

  • Die didaktisch-methodischen Hinweise sind sprachlich nicht exakt genug formuliert, teilweise im Anspruchsniveau wenig differenziert entfaltet.

Erwartungen an eine Überarbeitung

  • Eine stringente Entfaltung der didaktischen Konzeption und der Intentionen des vorfachlichen Unterrichts i. a. sowie des Sachkundeunterrichts i. bes. wäre wünschenswert. (Auch wenn die Präambel bereits zentrale Schlüsselbegriffe enthält.)

  • Ziele und Aufgaben der Teilgebiete des Sachunterrichts sollten - ähnlich der Konzeption des RPL D - in einem theoretischen Teil dargelegt werden

  • Eine noch deutlichere Einbeziehung von Verbindungsmöglichkeiten und vorfachlichen Akzentsetzungen wäre zu wünschen, didaktisch-methodische Leitlinien und Gestaltungsprinzipien des VU sollten - nicht allein in der Präambel, sondern vor allem auch in den Teilplänen der Klassenstufen - akzentuiert werden.

  • Die Interdependenz von Sach- und Sprachhandeln sollte deutlicher aufgezeigt werden, indem z. B. Hinweise und Querverweise zu Teilbereichen des Deutschunterrichts aufgenommen werden.

  • Explizite Hinweise zur Interdependenz einzelner Teilgebiete bzw. Teilthemen sollten erfolgen, ggf. auch i. S. eines Spiralcurriculums.

  • Eine dritte Spalte "Hinweise zur Unterrichtsgestaltung" (wie im RPL Deutsch) sollte u. a. auch Verfahrens- und Arbeitsweisen, Kontrollmöglichkeiten etc. aufführen. Die in Thema und/oder Zielsetzung enthaltenen Möglichkeiten neuer Lehr- und Arbeitsformen und des exemplarischen Lernens sollten aufgezeigt bzw. entfaltet werden.

  • Die Ausgewogenheit der einzelnen Inhaltsaspekte der Sachkundesollte überprüft werden, u. zw. gemessen an Inhaltsfeldern modernen Sachunterrichts, Lebensbedingungen heutiger Kinder (Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung der Inhalte und Ziele)

  • Lernziele und Lerninhalte müssen hinsichtlich ihrer Relevanz und ihres Anspruchsniveaus überprüft andererseits werden, die Formulierungen müssen hinsichtlich der Trennschärfe und Exaktheit optimiert werden.

  • Die Dominanz von Lernzielformulierungen der kognitive Ebene sollte abgebaut, der affektiv-emotionalen Ebene Raum gegeben werden.


Dagmar Wilde / Seminarpapier FS VU / Mai 1995

 

 

©opyright Dagmar Wilde, Berlin, April 2001

letzte Aktualisierung 07.04.2003

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