Zum Lernbereich Musisch-Ästhetische Erziehung

Inhalte und Ziele Musisch-Ästhetischer Erziehung

Musisch-Ästhetische Erziehung ist lernbereichsübergreifend und lernbereichsintegrierend

Begründungszusammenhang

Musisch-Ästhetische Erziehung im Schulalltag

Relevanz des musisch-ästhetischen Bereichs im VU

Arbeitsweisen im Lernbereich Musisch-Ästhetische Erziehung

Musisch-Ästhetische Erziehung im vorfachlichen Unterricht 


Ästhetisches Verhalten hat in jedem Unterricht seinen Ort. Aufgabe Musisch-Ästhetischer Erziehung ist es, dieses Verhalten zu wecken und zu stärken, zum Gegenstand der Betrachtung zu machen, es planmäßig zu fördern - d. h. für gemeinsame wie individuelle Lernprozesse fruchtbar zu machen.  

"Kinder, die zum Beispiel in ihrer Klasse drei Pflanzen in Blumentöpfen auf das Fensterbrett stellen, die beobachten, wie sie wachsen, wann sich ein blankes grünes Blatt entrollt, die sich verabreden, wer wieviel gießen soll, die Umsicht üben - nicht zu viel und nicht zu wenig Wasser, kein eiskaltes, sondern abgestandenes, nicht in die pralle Sonne, aber hinreichend viel Licht - Kinder die solcherart Aufmerksamkeit einer Sache zuwenden, verhalten sich ästhetisch - nicht nur botanisch. Aber zugleich zeigt die Situation, daß man sich gar nicht botanisch verhalten kann, ohne daß dies Anteile von ästhetischem Verhalten hat."

(Otto, Gunter u. Maria: SammeIn - Machen - Verstehen. In: Staudte, Adelheid: Ästhetisches Lernen auf neuen Wegen. Weinheim und Basel 1993. S. 145.) 

 

Über Ziele und Inhalte der Musisch-Ästhetischen Erziehung besteht z. T. wenig Klarheit: Musisch-Ästhetische Erziehung intendiert ein erfahrungsbezogenes, handlungsorientiertes und verweilendes Lernen im Spannungsverhältnis zwischen sinnlicher Erfahrung und ästhetischer Erkenntnis. (Mit der Musischen Erziehung der Nachkriegszeit oder auch mit der Ästhetischen Erziehung im Sinne des Kunstunterrichts ist sie nicht gleichzusetzen.) Musisch-Ästhetische Erziehung zielt auf die Ausrüstung und Übung des Menschen in der »aisthesis«, der sinnlichen Wahrnehmung schlechthin. Ziel ist die Ausbildung der Fähigkeit, das Wahrnehmen und Gestalten der eigenen Umwelt zu genießen, zu kritisieren, zu verändern, die Erweiterung des Verständnisses gesellschaftlicher Bedingungen und Wirkungen ästhetischer Phänomene sowie die Stärkung der Ich-Identität durch Sensibilisierung der Wahrnehmung.  

(Vgl. Aissen-Crewett: Musisch-Ästhetische Erziehung in der Grundschule. Grundschule 7-8/1987 (S. 29ff.) und 9/1987(S. 38ff.).)  
"Musisch-Ästhetische Erziehung wird hier verstanden als Lernen des ästhetischen Wahrnehmens von all dem und Reagierens auf all das, was wir durch unsere Sinne wahrnehmen."

(Aissen-Crewett: Musisch–Ästhetische Erziehung in der Grundschule. Grundschule 7-8/1987, S. 31.)  

Allgemeine Ziele Musisch-Ästhetischer Erziehung sind z. B. die Erkenntnis, dass alle Phänomene der Umwelt ästhetische Qualitäten haben, die Ausbildung der Fähigkeit, ästhetische Qualitäten in der Umwelt zu identifizieren, zu erfahren, zu analysieren sowie begründet zu beurteilen.  
(Vgl. a.a. O., S. 31.)  

Paradigmen Musisch-Ästhetischer Lernprozesse - Erfahrungsbezug, Handlungsorientierung, Lernen mit allen Sinnen - sind jedoch keinesfalls i. S. einer Polarisierung von Ästhetischer Erfahrung und Kognition zu verstehen. "Diese Betonung der ästhetischen Erfahrung gegenüber der kognitiven Erkenntnis bedeutet nicht, Schranken aufzurichten zwischen Sinnlichkeit und Rationalität. Musisch-Ästhetische Erziehung ist kein Plädoyer für falsche Spontaneität und Subjektivität, keine Brandrede gegen Rationalität und kognitive Erkenntnis. Sinnlichkeit und Ratio gehören, mit ihrem jeweiligen Eigenwert, zusammen. (...) ohne die Fähigkeit zum Analysieren, Konzeptualisieren und Evaluieren können die Botschaften der Sinne nicht erschlossen werden."
(A.a.O. S. 35).

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Inhalte und Ziele Musisch-Ästhetischer Erziehung

Musisch-Ästhetische Erziehung versteht sich gleichermaßen lernbereichsübergeifend und lernbereichsintegrierend. Sie fokussiert ästhetische Zugangsweisen in allen Lernbereichen des VU - nicht nur in den Lernbereichen Kunst, Musik, Sport. Somit kann es keinesfalls um eine Installierung eines neuen Lernbereichs gehen, der gar die drei Lernbereiche Kunst, Musik, Sport zu einem zusammenführen wollte! Somit kann es aber auch nicht um die Anreicherung der Lernbereiche Deutsch, Sachkunde oder Mathematik um musisch-ästhetische Aktivitäten gehen: Musisch–Ästhetische Erziehung darf weder als Addition mehrerer Bezugsfächer noch als methodisches Anhängsel ("Nun singen wir zum Thema ein Lied oder malen noch ein Bild...") konterkariert werden.  
Musisch-Ästhetische Erziehung nimmt vielmehr die generelle Bedeutung ästhetischer Erziehung für die allgemeine Bildung des Grundschulkindes in den Blick. Der Stellenwert, die Chancen und die Möglichkeiten, ästhetischen Lernens für alle Lernvorgänge rücken damit stärker in Bewusstsein. Thematisch integrierte Vorhaben sind vielmehr dann sinnvoll, wenn Kinder auf Grund der verschiedenartigen Aneignungs- und Gestaltungsformen vielseitige Erkenntnisse gewinnen können. 

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Musisch-Ästhetische Erziehung ist lernbereichsübergreifend
und
lernbereichsintegrierend

Zur Musisch-Ästhetischen Erziehung finden sich weniger konkrete Aussagen in der Fachliteratur, denn eher pädagogisch-didaktische Postulate zu musisch-ästhetischen Lernprozessen in der Grundschule. Diese verorten sich vor allem im Rahmen neuerer Ansätze zum Lernen und zur Lernkultur in der Grundschule heute (veränderte Sozialisationsbedingungen der Kinder, Erziehungsleistungen der Familie...). Nicht selten wird "Musisch-Ästhetische Erziehung" als Erziehung zum Schönen, als zwar wünschenswerte, aber wenig relevante Auseinandersetzung mit den Musen abgetan. Eine Isolierung des Lernbereichs Musisch-Ästhetische Erziehung - ohne Bezug zu sprachlichen Vermittlungsprozessen und Sachinhalten (Interdependenz von Sach- und Sprachlernen im VU) ist nicht möglich.  

"Zwischen ästhetischen und kognitiven Anteilen von Lernprozessen gibt es kein Gegensatzverhältnis; notwendig ist vielmehr die Einsicht, daß die Begriffsbildung die Nähe zu den Phänomenen voraussetzt, wenn die Begriffe nicht nur als Hülsen eingelernt werden sollen."

(Otto, Gunter u. Maria: SammeIn - Machen - Verstehen. In: Staudte, Adelheid: Ästhetisches Lernen auf neuen Wegen. Weinheim und Basel 1993. S. 145.)  

Der Gegenstand Musisch-Ästhetischer Erziehung ist der Alltag, unsere Umwelt in all ihren Erscheinungsformen.

Somit kommen für die Ausbildung im Lernbereich Musisch-Ästhetische Erziehung im Hinblick auf den Unterrichtseinsatz die Lernbereiche Kunst, Musik und (in Teilen) Sport in Frage, wobei die unterrichtliche Zuordnung auf Grundlage persönlicher Voraussetzungen (Kenntnisse, Neigungen) der Lehreranwärter/innen und unter Berücksichtigung schulischer Bedingungen erfolgen muss (d. h. keine Ausgliederung des Musisch-Ästhetischen Bezugs-Lernbereichs; die Zuordnung zu BK/MU oder SP in einer weiteren Klasse widerspräche dem Grundprinzip Musisch-Ästhetischer Erziehung und würde der darüber hinaus dem fachlichen Anspruch der einzelnen Lernbereiche nicht gerecht).

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Begründungszusammenhang

Vorfachlicher Unterricht sieht keinen Fachunterricht vor, hierin liegt für Musisch-Ästhetische Erziehung eine günstige Voraussetzung für das dem Ansatz implizite lernbereichsübergreifende und -integrierende Arbeiten.  

Die ästhetische Erziehung ist integrative Klammer (Bestandteil) einzelner Lernbereiche und manifestiert sich hauptsächlich an übergeordneten Themenkomplexen. Sie strebt eine Vervollkommnung der sinnlichen Erfahrung im erkennenden Handeln an.  

(Vgl. Matthies/Polzin/Schmitt: Ästhetische Erziehung in der Grundschule. Frankfurt/M. 1987.)  

Die Berliner Grundschule kennt keinen Musisch-Ästhetischen Lernbereich. Die Gefahr, dass das fach- bzw. lernbereichspezifische Lernen vernachlässigt wird, da - zumindest explizit - keine Rahmenplanaussagen zu diesem Lernbereich existieren, ist nicht zu übersehen. Eine Tradierung bzw. Renaissance des Gesamtunterrichts - unter Vernachlässigung fachlicher Inhaltsbereiche, fachspezifischer Methoden und lernbereichsspezifischer Vermittlungsprozesse - widerspräche den Prämissen vorfachlichen Unterrichts wie auch Musisch-Ästhetischer Erziehung.  

Eine Integration von Kunstunterricht und Sachunterricht ist so verstanden z. B. dann sinnvoll, wenn jeder Lernbereich in seiner Eigengesetzlichkeit gesehen wird. Ästhetische Gestaltungsprinzipien und sachorientierte Arbeitsweisen unterscheiden sich. Während im Lernbereich Kunst die individuelle Auffassung, Subjektivität und eigene Ausdruckskraft angestrebt werden, will man im Sachunterricht Objektivierung der Wirklichkeit erreichen. Das schließt nicht aus, daß gerade die unterschiedlichen, fachspezifischen Ausrichtungen sich erkenntnisfördernd aufeinander beziehen können. Die Lernwege haben viele Gemeinsamkeiten: Sowohl Sachunterricht als auch Kunstunterricht sind handelnder Unterricht, der von der "Wahrnehmung an aufgesuchter oder bereitgestellter Wirklichkeit" (Stark, S.22) ausgeht. Sammeln, Entdecken und Experimentieren hat zwar fachspezifische Ausrichtungen, aber identische Grundfunktionen. In beiden Lernbereichen werden Produkte hergestellt, im Kunstunterricht z. B. Bilder, Plastiken, Objekte und Sammlungen, im Sachunterricht z. B. Texte mit Sachzeichnungen, Schaubilder und Sammlungen. 

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Musisch-Ästhetische Erziehung im Schulalltag

Ein potenzielles Missverständnis gilt es zu beachten: Es geht nicht um eine Integration dreier Lernbereiche/Fächer zu einem, vielmehr um Beiträge der jeweiligen Lernbereiche/Fächer zur Musisch-Ästhetischen Erziehung im Rahmen eines lernbereichsübergreifenden und lernbereichsintegrierenden Unterrichts. Auch die Musisch-Ästhetische Erziehung muss durch Rahmenplaninhalte und -ziele legitimiert sein. Im Unterricht müssen Verbindungen zu den existierenden Lernbereichen rahmenplanadäquat hergestellt werden - ohne in ein gesamtunterrichtliches Denken zu verfallen. In diesem Sinne gilt es, pädagogische und fachlich-didaktische Kompetenzen im Lernbereich Musisch-Ästhetische Erziehung zu erwerben.

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Relevanz des musisch-ästhetischen Bereichs im VU

Zentrale Arbeitsweisen im Lernbereich Musisch-Ästhetische Erziehung sind gleichermaßen charakteristische Arbeitsweisen des vorfachlichen Unterrichts.  
Kennzeichen der Arbeitsweisen im Lernbereich Musisch-Ästhetische Erziehung sind:  

  1. die Orientierung am Kind, seinen Interessen, Bedürfnissen und individuellen Erfahrungen,
  2. die Berücksichtigung der Ganzheitlichkeit aller Lern- und Erfahrungsprozesse (motorisch, ästhetisch, emotional, kognitiv, sozial),die Betonung elementarer Wahrnehmungserfahrungen (vor allem im taktilen, kinästhetischen, vestibulären Bereich) als Basis jeglichen Lernens,
  3. die Einbeziehung spezifischer Verfahren und Medien, die einen kreativen Umgang erlauben und die Selbsttätigkeit der Kinder anregen,
  4. Einräumen eines hohen Maßes an Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung im Unterricht,
  5. Herausfordern der Eigeninitiative der Kinder,
  6. Erlebnisorientiertheit der angebotenen Lernsituationen,
  7. Bevorzugung von Unterrichtsformen, die Differenzierung und Individualisierung erlauben.

Arbeitsweisen im Lernbereich Musisch-Ästhetische Erziehung

 

©opyright Dagmar Wilde, Berlin, Januar 2000

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06.04.2003


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