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Neue
Lernkultur in der Grundschule
"Ich
komme je länger, desto mehr zur Ansicht, dass das Hauptaugenmerk
auf das intelligente und lernwirksame Gestalten von Lernsituationen zu
richten ist, auf das Ausprobieren und Optimieren derartiger Situationen,
auf die wache Wahrnehmung und zurückhaltende Unterstützung von
Lernenden in Lernsituationen."
Gasser, Peter: Neue Lernkultur. Eine integrative Didaktik, Aarau 1999,
S. 101.
Neue
Lernkultur - was ist damit gemeint ?
"Neue
Lernkultur ist der historisch verwurzelte und an modernen Wissensbeständen
orientierte Versuch, auf die Herausforderungen dieser Zeit, Gesellschaft,
Wissenschaft, Wirtschaft usw. eine pädagogisch, psychologisch und
bildungstheoretisch reflektierte, praxiswirksame Antwort zu geben. Es
geht weder um eine geradlinige Fortsetzung reformpädagogischer
Einflüsse noch um blosse Erweiterung des Methodenrepertoires, weder
um den konsequenten Verzicht auf Klassenunterricht oder Lektionen noch
um das Durchsetzen einseitig humanistisch-psychologischer oder neurodidaktischer
Ideen, weder um die Verteufelung darbietender Formen noch um die Beschränkung
auf interaktive PC-gestützte Lerntechnologien. jede Einseitigkeit
und Ausschliesslichkeit verengt den Blick und greift meines Ermessens
theoretisch zu kurz. Die "Neue Lernkultur" führt die
traditionelle Lernkultur fort, entwickelt sie weiter, gestaltet sie
qualitativ um. das Verhältnis von "neu" zu "alt"
ist durch Integration, Entwicklung und qualitative Veränderung
zu kennzeichnen. Das heisst: Die abendländische Geschichte des
gelehrten Unterrichts offeriert uns ein vielfältiges Methodenangebot.
Viele dieser Verfahren sind auch heute noch einsetzbar, und ich erkenne
keinen stichhaltigen Grund, darauf zu verzichten." (Gasser, Peter:
Neue Lernkultur. Eine integrative Didaktik, Aarau 1999, S. 113)
Was
in Literatur und Unterrichtspraxis als "Neues Lernen, Neue
Lernkultur" und "Erweiterte Lehr- und Lernformen" vorzufinden
ist, ist vielgestaltig. Zentrale Impulse, die der gegenwärtigen
Didaktik und Unterrichtspraxis zugrunde liegen, sind:
-
Die
Reformpädagogik, deren Methodenrepertoire und Unterrichtskonzepte
werden heute mit einem erneuerten lernpsychologischen Verständnis
interpretiert werden
-
Der
Kognitivismus - Konzepte der modernen Gedächtnisforschung und
Neuropsychologie eingeschlossen – sowie Forschungsergebnisse
der Kommunikations-, Interaktions- und Sozialpsychologie, welche das
Verständnis von Lernen und von Lernenden nachhaltig verändert
haben.
-
Die
Untersuchungen zur gewandelten Kindheit, zur Sozialgeschichte der
Jugend, zu den modernen Bedingungen des Aufwachsens, der psycho-sozialen
Entwicklung, des Identitätsaufbaues der variablen Lebensentwürfe
und der modernen Gefährdungen und Devianzentwicklungen.
-
Die
soziologische Theorie der Moderne, die einen sozio-kulturellen, gesellschaftlichen
und politisch-ideologischen Wandel postuliert, der sich in physisch-ökologischen
Umweltveränderungen, in demographischen, in ökonomischen
Veränderungen und in gewandelten Lebensformen manifestiert.
(vgl.
Gasser, Peter: Neue Lernkultur. Eine integrative Didaktik, Aarau 1999,
S. 114.)
Neue
Lernkultur - was bedeutet sie für den Unterricht?
Das
heutige Verständnis von Lernen begründet sich in Erkenntnissen
der kognitiven Psychologie und der neueren Lehr-Lern-Forschung. Der aktuelle
Lernbegriff definiert Lernen als aktiven und konstruktiven Prozess. Lernen
geschieht absichtsvoll und reflexiv: Niemand vermag einem Lernenden das
eigenständige Konstruieren von Wissen abzunehmen.
Vorhandene
und neu hinzukommende Wissensbestandteile müssen miteinander verknüpft
werden. Für erfolgreiches Lernen ist es daher unverzichtbar, Anforderungen
und Ziele des Lernens zu kennen sowie das eigene Lernen im Hinblick auf
diese Ziele selbst zu planen und zu organisieren, zu kontrollieren
und zu bewerten. Erst wenn der/die Lernende sich darüber im Klaren
ist, was er/sie im Verlauf des Lernprozesses bereits erkannt, verstanden
oder behalten hat, können weitere Lernschritte geplant werden.
Individuelles
Lernen ist immer auch in soziale Prozesse eingebettet. Der Erwerb von
Wissen findet - direkt oder indirekt - immer im Austausch mit Bedingungen
der Umwelt, in Interaktion mit anderen Personen statt.
In
kooperativen Lernprozessen vertiefen und festigen Lernende ihr Wissen,
z. B. indem sie unterschiedliche Sichtweisen eines Problems kennen lernen,
indem in im Gespräch ihre Vermutungen, Meinungen und Kenntnisse formulieren
und diskutieren.
"Die
Prozess- und Strukturmerkmale der erneuerten Lernkultur schliessen eine
Erweiterung des Lernbegriffs ein. Dies bedeutet, dass das Lernen nicht
mehr bloss als Reiz-Reaktions-Zusammenhang oder als kognitiv restlos planbare
"Verhaltensänderung" im (neo-)behavioristischen Sinne zu
bezeichnen ist. Neben der lernpsychologischen Reduktion des Lernbegriffs
gibt es auch eine schulische Verkürzung zu überwinden: Lernen
ist mehr als Anpassungs- und Reproduktionsleistung (MAURER 1992/276 ff.,
ARNOLD/SCHÜSSLER 1998). Es ist deshalb erfreulich, dass neuere Werke
der Lernpsychologie neben der Aussensteuerung die Innensteuerung des Lernens
betonen und damit die Reaktivität überwinden (EDELMANN 1996/5.),
den Lebens- und Kulturbezug des Lernens herstellen und aufhellen (STEINER
1996/2.), das Verstehen als Personentfaltung betonen (MUSSER 1994), soziokulturelle
Aspekte und Formen der Selbststeuerung aufzeigen (MIETZEL 1998/5.).
Die
Erweiterung des Lernbegriffs, wie sie hier vorgeschlagen wird, beinhaltet
fünf Aspekte: Die Lernenden erleben sich stets als selbstwirksame
Lernsubjekte in modellierbaren Lernsituationen, in welchen sie allein
oder gemeinsam schulische, fach-, kultur- und lebensbezogene Aufgaben
bewältigen, Fertigkeiten und Wissensbestände aufbauen - und
dabei fachspezifische (strategisch und metakognitiv reflektierbare) Lernerfahrungen
machen, die die subjektiven Handlungs- und Lebensmöglichkeiten erweitern."
(Gasser,
Peter: Neue Lernkultur. Eine integrative Didaktik, Aarau 1999, S. 107ff.)
Neue
Lernkultur - didaktische Konsequenzen
"(1)
Grundsätzlich ist auf eine "Vermittlungs- und Abbilddidaktik"
insofern zu verzichten, als Erkenntnis sich nicht direkt "vermitteln"
und Welt sich nicht voraussetzungslos "abbilden" lässt,
denn Einsichten und Erkenntnisse sind grundsätzlich subjektiv konstruierte
Lernergebnisse.
(2)
Mit frontalen Lehrformen wird Information nicht "übertragen",
sondern bloss vorgetragen und angeboten. Das bedeutet: Das Informationsangebot
muss vom Lernenden intern bearbeitet (verglichen, gedeutet, transformiert,
elaboriert, integriert) werden. Bearbeitung und Integration ereignen sich
im Netz der vorhandenen Verstehens- und Gedächtnisstruktur.
(3)
Insofern Lernen ein subjektiver Konstruktionsprozess und als solcher soziokulturell
und lernsozial eingebunden ist, müssen die Verstehensprozesse und
Lerninhalte "struktureller Koppelung" und kommunikativen Anschlussoperationen
ausgesetzt werden. Konkret bedeutet dies, dass der Kopf der Lehrperson
weder das einzige noch das beste System der "Koppelung" sein
muss: Wir lernen oftmals durch eigenes Probieren, mit gleichaltrigen Lernpartnern,
mit Medien und medialen Lernsystemen besser als mit den mehr oder weniger
überfordernden Erklärungen einer Lehrperson.
(4)
Methodisch lässt sich dies mit subjektorientierten Unterrichtsverfahren,
mit der Subjektivierung von Lernangeboten und Lernhilfen (sowie Selbstkontrollen)
erreichen. Der Subjektaspekt muss allerdings mit dem Aspekt des gemeinsamen
Lernens (Redens, Diskutierens, Erklärens, Überprüfens,
Vergleichens, Angleichens ... ) verbunden werden. Die Lernbewegung setzt
demnach mit subjektiven Vorerfahrungen, Erwartungen, Einsichten, Kenntnissen,
Wissensbeständen ein, führt über individuelles Vermuten
und Probieren zu subjektiven Ergebnissen, die in der Gemeinschaft der
Lernenden zu vergleichen sind - und schliesslich zu wissenschaftlichen
und kulturellen Standards führen. Was auf den ersten Blick als "Weg
der Induktion" erscheinen mag, erweist sich bei genauer Betrachtung
als subjektiv gebundene Enkulturation: Erkennen als Wissenserwerb ist
Handeln und Reden in kultureller Tradition.
(5)
Es ist jedenfalls sinnvoll und nötig, den "Referenzrahmen"
der Wissensvermittlung als Wissenskonstruktion zu definieren (KOESEL/
FELLER in VOSS 1998), Lehrpersonen können nicht davon ausgehen, dass
ihr eigener Referenzrahmen des Wissens (bzw. der Wissenschaft) der einzig
mögliche oder richtige ist. Jugendliche orientieren sich beim Lernen
oft mehr an der Eigenlogik, an der eigenen Erfahrung, an jugendlichen
Erfahrungs- und Lebensfeldern bzw. Problemlagen, an Lernbeziehungen usw.-.
Dies sind die Anschlussstellen und Anknüpfungspunkte für schulisches
Lernen, für schulfachspezifisches Wissen, für schultypen-spezifische
Lernfelder, für Wissenschafts- und Kulturbereiche." (Gasser,
Peter: Neue Lernkultur. Eine integrative Didaktik, Aarau 1999, S. 69.)
Veränderung
der Rolle der Lehrenden und Lernenden
Vom
Lehren und Belehrtwerden
zum Lernen fördern und Lernen lernen
Um
selbstgesteuert, aktiv zu lernen müssen Lehrende Lernende dabei unterstützen
ihr
Lernen vorzubereiten
- Ziele
klären und auswählen, ihre Relevanz überprüfen -
Motivation aufbauen - Lernhandlungen planen und beginnen - Aufmerksamkeit
aktivieren - sich auf frühere Lernprozesse besinnen - Vorwissen
aktivieren
Lernhandlungen
auszuführen
- den
Lernstoff verstehen, erarbeiten, durcharbeiten und integrieren - das
Gelernte verfügbar und arufbar machen - das Gelernte anwenden
ihre
Lernhandlungen zu regulieren
- das
Lernen überwachen und steuern - das Gelernte überprüfen
- bei Schwierigkeiten die Strategie anpassen - evtl. Hilfe holen - das
eigene Lernen reflektieren
ihre
Leistungen zu bewerten
- RückmeIdung
über Lernprozesse, -schwierigkeiten, -fortschritte und -ergebnisse
geben - den Lernprozess und die Lernergebnisse realistisch einschätzen
und bewerten
Motivation
und Konzentration zu erhalten
- die
Lernmotivation und die Konzentration aufrecht erhalten - das Lernen
durchhalten
(vgl.
Gasser, Peter: Neue Lernkultur. Eine integrative Didaktik, Aarau 1999,
S. 64ff.)
Neue
Lernkultur - Bewährtes bewahren, Neues erproben
"Das in der Lehrerbildung und in verschiedenen Lehrerfahrungen Erworbene
bietet meines Ermessens eine ausgezeichnete Basis für die Erneuerung
der Lernkultur, denn auch bei dieser geht es zunächst um Ziel- und
Sachstrukturfragen, um Exemplarität, um Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung
von Inhalten, um Lehr- und Lern-Prozesse.
Nach meiner Einschätzung gibt es im Bereich der erneuerten Lernkultur einige
Qualitäten, die das klassische Lehr-Lern- und Lektionsmuster übersteigen:
Das Problem der «Lektionsgestaltung» ist insofern nicht mehr zentral,
als es um lektions- und zeitübergreifende Lernprozesse geht, die
eine didaktische Konzeptbildung erfordern. Das didaktische Konzept,
das auch den Lernenden vorgestellt und erläutert werden muss, enthält
mehrere Elemente:
- Inhalte, Themen, Begründung der Lebens- und/oder Schulbedeutung,
der schulischen Lernrelevanz,
- beabsichtigte Lernerträge und Bildungswirkungen, Lernziele und
Lernkontrollen oder Prüfungen,
- Lehr-Lern-Formen und -Organisation, Zeitgefässe, entsprechende
Materialien, Lerngruppierung, Lernräume usw.
Bei vielen neueren Lehr-Lern-Formen werden die Lehrenden zu Gestaltern von Lernsituationen.
Meistens erfordert dies auch das Beschaffen, Herstellen und Bearbeiten
von Lernmaterialien (-texten, -spielen, -filmen, -aufgaben, -karteien,
-büchern usw.), was eine Zusammenarbeit im Lehrerteam nahe legt.
Die
wichtigste Qualität besteht wohl in der Fähigkeit der Lernprozessbegleitung.
Hier haben wir wahrscheinlich auch die grössten Defizite und den
entsprechenden Nachholbedarf.
Dies betrifft vor allem
-
das Verständnis für die in konkreten Lernsituationen auszulösenden
Lernprozesse
-
das Formulieren von Lernaufgaben mittleren Schwierigkeitsgrades
-
das Ermitteln und Berücksichtigen von Lernvoraussetzungen
-
das Unterstützen und Begleiten von Lernprozessen mit Lernprotokoll,
Lernjournal, Lernbericht, Lerndiagnose und Lernberatung
-
das Bereitstellen individualisierter Lernangebote und differenzierter
Lernhilfen
-
das Erarbeiten angemessener Selbstkontrollmöglichkeiten." (Gasser,
Peter: Neue Lernkultur. Eine integrative Didaktik, Aarau 1999, S. 72.)
LehrerInnen
als LernerInnen
- ein Gespräch über die Kultur des Lernens (Dagmar Wilde)
Von
der Belehrungskultur zur Lernkultur: Lernen im Fachseminar
Warum ist Lehren und Lernen so schwierig?
(Prof. Dr. Gerhard Roth, Vortragsskript, Ganztagskongress 2006 Bremen)
und Folienpräsentation zum Vortrag
Was die Forschung über lernwirksamen Unterricht weiß
dargestellt in 10 Punkten (ETH-Zürich)
Peter StrucK: Die 15 Gebote des Lernens
Jahrgangsübergreifendes Lernen und neue Lernkultur 2009 - Beispiele

"Erstes und letztes Ziel unserer Didaktik soll es sein, die Unterrichtsweise aufzuspüren und zu erkunden, bei welcher die Lehrer weniger zu lehren brauchen, die Schüler dennoch mehr lernen; in den Schulen weniger Lärm, Überdruss und unnütze Mühe herrsche, dafür mehr Freiheit, Vergnügen und wahrhafter Fortschritt."
(Johann Amos Comenius 1632)
zitiert aus Arnold/ Giese, Schulleitung und Schulentwicklung, Baltmannsweiler 2004, S, 66.
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