Qualität
von Lernprozessen in offenen Unterrichtsformen
Zur
Beurteilung "offenen" Unterrichts
Jede
Bewertung von Unterricht ist komplex - ganz gleich, ob es sich dabei um
mehr geschlossenere oder offenere Formen handelt. Da offener Unterricht
wie jeder andere Unterricht nach bestimmten Gesichtspunkten geplant, strukturiert
und umgesetzt werden muß, kann er demzufolge auch entsprechend analysiert
und bewertet werden.
Handeln
und Lernen ist immer zielgerichtet - ein Verzicht auf Ziele daher nicht
möglich (allerdings können Ziele gemeinsam mit den Schülern
- oder im Idealfall selbständig - festgelegt werden).
Kurt
Czerwenka unterstreicht die Notwendigkeit einer klaren Strukturierung:
"Offener Unterricht braucht Eindeutigkeit, Klarheit, Überschaubarkeit
und den Prozeß... (Er) braucht zum Schutz der Kinder die Bindung,
die Ordnung und die Konzentration."
In
der Analyse und Bewertung von offenen und geschlossen Unterrichtsformen
sollte es nicht darum gehen, welche Form die bessere ist. Die Frage ist
vielmehr, welche Unterrichtsform den jeweiligen Zielen und Inhalten eher
entspricht.
Hildegard
Kasper warnt vor Pauschalurteilen über offenen Unterricht, vor
einer einseitigen Abwertung anders strukturierter Unterrichtsformen,
vor einer Nivellierung und Vereinseitigung des unterrichtlichen Gesamtrepertoires:
"Die Tendenz zeichnet sich dort am deutlichsten ab, wo der Begriff
offener Unterricht synonym für "wünschenswerten"
oder "guten" Unterricht steht, und wo nicht mehr sinnvoll
nachgefragt werden kann, ob die bezeichneten Lehr-Lern-Vollzüge
unter den gegebenen Zielzusammenhang zu Recht "offen" stattfinden,
,,offen" strukturiert sein sollten".
Eiko
Jürgens meint dazu: "Vielleicht werden künftige Untersuchungen
zeigen, daß "gute" Lehrerinnen und Lehrer sowohl im traditionellen
als auch im offenen Unterricht sehr erfolgreich sein können und
"schlechte" es weder in dem einen oder anderen jemals sein werden
Denn offene und geschlossene Unterrichtsformen stehen sich nicht unversöhnlich
gegenüber, sondern ergänzen sich und sind aufeinander bezogen
in einem Spannungsfeld von Lehrerzentrierung und Schülerzentrierung"
Rainer
Winkel betont, dass es 17 Unterrichtsmethoden gibt, die es flexibel
einzusetzen gilt.
"Die beste Voraussetzung für einen beweglichen Unterricht mit
einem flexiblen Methodeneinsatz ist die Beherrschung eines guten Frontalunterrichts,
den es zunächst zu lernen gilt. Ehe man also ungewöhnliche
Häuser baut, sollte man ganz gewöhnliche zu konstruieren
gelernt haben!"
Kriterien
für die Beobachtung und Beurteilung offenerer Unterrichtsformen
Steht
die Gesamtplanung des Unterrichts in einem größeren Zusammenhang?
Hat die Lehrerin (über die Einzelstunde hinaus) eine klare Vorstellung
über die wichtigsten Zielen für ihre Lerngruppe wie für
einzelne Schüler/innen?
Besteht
Ausgewogenheit zwischen Inhalten und Aktivitäten, die von der
Lehrerin ausgewählt und geplant wurden, und Aktivitäten,
die aus den Interessen der Kinder hervorgehen? Nimmt die Lehrerin
das, was Schülerinnen und Schüler wirklich beschäftigt,
in ihren Unterricht auf?
Besitzen
die ausgewählten Ziele und Inhalte eine Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung?
(Dieses alte Primat der Didaktik von Wolfgang Klafki hat nach wie
vor besondere Bedeutung).
Werden
die konkreten Lernvoraussetzungen dieser Kinder berücksichtigt?
Werden
die Schüler/innen zu zielgerichtetem Arbeiten motiviert?
Gibt
es Regeln und Rituale, die den Lernenden Sicherheit und Orientierung
ermöglichen?
Erfahren
die Schüler/innen Neues oder betrachten sie Bekanntes unter einem
veränderten Blickwinkel, lernen sie sachgerechte und abwechslungsreiche
Übungsverfahren kennen und anwenden?
Konnten
die Schüler den Lerngegenstand möglichst selbständig
erarbeiten? (Partner- und Gruppenarbeit sind keine Erfindungen des
offenen Unterrichts!)
Ist
der Lehr-Lernprozess in seiner Abfolge sachlogisch strukturiert?
Ist
ein ausgewogenes Verhältnis von lehrerzentrierten Phasen, Gruppenarbeit,
Freiarbeit, Partner- und Einzelarbeit zu beobachten?
Ist
zu beobachten, daß die Lehrerin das selbständige und konzentrierte
Lernen und Arbeiten der Kinder fördert und sie dabei unterstützt,
ihren eigenen Lernweg zu finden?
Werden
alle Schüler/innen optimal gefordert und gefördert? (Beachtung
innerer Differenzierung)
Sind
die bereitgestellten Medien in Funktion, Auswahl und Umfang der Sache
angemessen?
Werden
die Ziele des Unterrichts mittels flexibler Umsetzung der Planung
verfolgt, angebahnt bzw. erreicht (Flexibilität müsste bereits
in der Planung angelegt sein, um alternative Wege/Überlegungen,
Zusatzaufgaben, Differenzierungsangebote, Lernhilfen parat zu haben)
Steht
der benötigte Zeitaufwand zum Erreichen der Ziele in einem angemessenen
Verhältnis zu ihrer Bedeutung?
Werden
die Kinder in die Lage versetzt, verantwortungsbewusst mit dem Faktor
Zeit umzugehen, selbständig zu arbeiten und nicht einfach Vorgaben
zu kopieren oder beim Nachbarn abzuschreiben?
Zeitpunkt
und Form der Rückmeldung durch die Lehrer/innen: Wann und wie
erfahren die Kinder, ob sie Aufgaben ihrem Leistungsniveau entsprechend
erledigt haben, wann und wie werden Teil- und Endergebnisse gewürdigt?
Werden die Schüler zur selbständigen Einschätzung und
Bewertung der Lern- und Arbeitsergebnisse angeleitet?
Bietet
der Klassenraum eine Lernumgebung, in welcher Schüler selbständig,
allein oder in Gruppen lernen und arbeiten können?
Missverständnisse
- Fehleinschätzungen
"Offener"
Unterricht kann - wie jeder andere Unterricht auch - Mängel aufweisen;
auch ist nicht alles "offen", was als "offen" bezeichnet wird:
Inhalte
des Unterrichts scheinen mitunter beliebig, solange sie geeignet sind,
den Einsatz von Methoden zu unterstützen. Inhalte des Unterrichts
scheinen mitunter beliebig, solange Kinder Spaß haben und beschäftigt
sind.
Offenere
Unterrichtsformen leiden oft an medialer Überfrachtung. (Über
der Sorgfalt und Zeit, die auf die Herstellung/Beschaffung von Medien
verwendet wird, werden insbesondere von LA oftmals Überlegungen
zur Inhaltsstruktur sowie zur Gesprächsführung und Auswertung
des Unterrichts - also, dort, wo sie sich Lehrer/innen einbringen
müssen - vernachlässigt.)
Lehrer/innen
reduzieren ihre Aufgabe einseitig auf organisatorisches Unterrichtsmanagement:
Arbeitsblätter beherrschen die Stunde.
Im Vertrauen auf vorstrukturiertes Unterrichtsmaterial bleiben die
Kinder beim Lernen sich selbst überlassen - selbständiges
Lernen aber bedarf inhaltlicher und methodischer Lernhilfen bzw. -anregungen.
Eine
genaue Analyse ist erforderlich, inwieweit Unterrichtsmaterialien
selbstgesteuertes Lernen erlauben: Lernstationen ermöglichen
unter Umständen bei genauer Betrachtung gar kein individuelles
Rechtschreiblernen, freies Experimentieren im Sachunterricht, sondern
weisen nur in sich sehr geschlossene und enge Aufgabenstellungen auf.
Das
Arbeiten mit dem Wochenplan verkümmert oftmals zur "Beschäftigungstherapie":
Selbständigkeit bezieht sich mitunter allein auf die Entscheidung
über die Reihenfolge der Bearbeitung vorbestimmter Aufgaben.
Das Training formaler Fertigkeiten (sonst als Hausaufgabe erledigt)
überwiegt.
Innere
Differenzierung fällt oft zu gering aus und bleibt in Ansätzen
stecken. Individualisierung und Differenzierung sind im geöffneten
Unterricht wesentlich. Da jedes Kind der individuellen Förderung
bedarf, müsste bei der Wochenplanarbeit im Grunde jedes Kind
seinen eigenen Plan erhalten.
Die
Öffnung für den Erfahrungshintergrund und die Emotionalität
der Kinder lässt Gesprächsphasen oft zerfasern: Um jedes
Kind zu Wort kommen lassen, geraten Gesprächskreise zu lang,
nach 10 -15 Minuten läßt die Konzentration bei vielen Zuhörern
aber nach.
Literatur
Brügelmann,
Hans und Karin: Kann man "Offenen Unterricht" beurteilen? In: Grundschulzeitschrift
87/1995.
Czerwenka,
Kurt: Offener Unterricht und Freiarbeit - Möglichkeiten und Grenzen,.
In: Forum E, 5/1992.
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