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Ramona Richtzenhain, Stefanie Zeidler, Andrea Siwek
1. Lesesozialisation in der Familie
3. Geschlechtsspezifische Unterschiede (allgemein)
3.1 Erklärungsmodelle
3.2 Geschlechtsspezifische Unterschiede (speziell)
3.3 Praktisches Beispiel
4. Folgerungen für den Unterricht
1. Lesesozialisation in der Familie
Gegenüber allen kulturkritischen Visionen konnte festgestellt werden, dass der überwiegende Teil der Kinder gern und häufig liest. Absolute Nicht-Leser sind in der Untersuchung nicht aufgetaucht. Die Hälfte der Kinder sagen von sich selbst, dass sie in ihrer Freizeit gerne lesen, nur sehr wenige verneinten die Frage. Die durchschnittliche tägliche Buchlesedauer beträgt zwischen 35 und 50 Minuten, dies ist abhängig vom Wochentag. Am Wochenende wird mehr gelesen, als an Werktagen. Insgesamt betrachtet spielt das Buch im Alltag der Kinder eine größere Rolle als in der Freizeit der Väter. Die Lesezeiten der Mütter dagegen liegen im Durchschnitt etwas höher als die der Kinder. Mütter lesen auch häufiger als Väter. Wie es sich hier schon zeigt, sind die Mütter für die Leseentwicklung der Kinder die zentrale Bezugsperson. Berücksichtigt man auch den weiteren Mediengebrauch, macht es sich bemerkbar, dass es auch in Familien, in denen eine Vielzahl von Medien regelmäßig genutzt werden, Kinder gibt, die große Freude an Büchern haben. Es macht sich aber auch bemerkbar, dass in den Familien, wo der Fernsehkonsum etwas eingeschränkt ist, die Kinder deutlich häufiger und anspruchsvollere Literatur lesen. Leider wird in der Studie kein Zweifel daran gelassen, dass heutzutage die Familien im allgemeinen den Kindern die reiche Chance bieten, eher zu Fernsehkonsumenten als zu Lesern zu werden.
Wie es sich zeigt, baut sich die Leseentwicklung der Kinder vor allem über die sozialen Bezüge der Lesetätigkeit in der Familie auf. Das Lesevorbild der Eltern ist wichtig. Als Lesevorbild steht für die meisten Kinder die Mutter im Vordergrund. Der Vater spielt nur eine sehr geringfügige Rolle. Das Lesen der Väter wird eher als selbstbezogen, mit einer größeren Distanz zum Familiengeschehen, gesehen. Mütter dagegen verbinden ihr Leseinteresse eher mit der Förderung der Kinder. Mütter sind auch diejenigen, die ihre Kinder an Bücher heranführen. indem sie mit ihnen in Buchhandlungen und Bibliotheken gehen. Ebenfalls passen Mütter sich mehr den Leseinteressen der Kinder an, was mit dem Harry-Potter-Phänomen vergleichbar ist.
Wenn man die Problematik "Jungen und Mädchen in der Schule" betrachtet, geht es fast ausschließlich um die Benachteiligung der Mädchen. Betrachtet man die Sprache, trifft man auf den umgekehrten Fall. Verschiedene Untersuchungen weisen eine sprachliche Überlegenheit der Mädchen aus, was sich in der Schule mit besseren Zensuren in Deutsch bemerkbar macht. Die selben Studien zeigen noch weitere Trends auf. Mädchen haben durchweg bessere schriftsprachliche Leistungen als Jungen.
Geschlechtsspezifische Unterschiede treten also nicht nur bei Vätern und Müttern auf, sondern wurden auch bei Jungen und Mädchen gefunden. Obwohl Mädchen nicht intensiver im Lesen gefördert werden, entwickeln sie eine größere Lesefreude, lesen häufiger und länger als Jungen. Mädchen und Jungen unterscheiden sich auch in ihren Leseinteressen, sie bevorzugen unterschiedliche Buchgattungen. Während Mädchen eher zu erzählender Lektüre greifen, bevorzugen Jungen Sachbücher. Auch von der schulischen Leseförderung profitieren die Mädchen stärker als die Jungen. Möglicherweise liegt es daran, dass es überwiegend Frauen sind, die als "Lese-Lehrerinnen" auftreten, egal ob es die Mütter, Kindergärtnerinnen oder Lehrerinnen sind. Vielleicht fällt es den Mädchen leichter ihre Leseanregungen wahrzunehmen als den Jungen.
Der Aspekt der geschlechtsspezifischen Leseneigung soll nun näher betrachtet werden.
Um die Überlegenheit der Mädchen im schriftsprachlichen Bereich erklären zu können, wurden im wesentlichen zwei Faktorengruppen, die biologische und die soziologische, zu Grunde gelegt.
Die biologischen Erklärungen zielen darauf ab, dass Frauen sozusagen "mit beiden Hirnhälften" lesen und schreiben können, im Gegensatz zu den Männern. Die soziologischen Erklärungen gehen davon aus, dass Lesen und Schreiben reine "Frauensachen" sind und deshalb für Jungen nicht sehr wichtig erscheinen. Aber beide Erklärungsmodelle sagen von sich selber, dass sie für sich genommen zu einfach sind.
Es liegen große Unterschiede in der Leseleistung wie auch in weiteren intellektuellen und schulischen Leistungen vor.
Betrachtet man beispielsweise die Extremgruppen gute Leser/schlechte Leser, so sind Mädchen bei den guten und Jungen bei den schlechten überrepräsentiert. Das soll aber keine Vorverurteilung sein, es gibt auch sehr gute männliche Leser und sehr schlechte Leserinnen. Die Leseleistung in bezug auf die Frühleser und Frühleserinnen ist sehr unterschiedlich, da die Streubreite zwischen dem besten und schlechtesten sehr groß ist. Bei genaueren Betrachtungen zeigen sich ganz andere Tendenzen. Während Mädchen eher Abenteuerbücher, Tier- und Pflanzenbücher lesen, sind bei den Jungen Stern- und Pflanzenbücher beliebter, was auch die verschiedenen Begabungsinteressen erklären. Für das Lesen zeigt sich, dass die Jungen beim Lesen von Gebrauchs- und Sachtexten gleich gut oder sogar besser als Mädchen abschneiden. Die Überlegenheit der Mädchen beschränkt sich auf die in der Schule dominierende Textsorte, die Erzählung.
Beim Schreiben verhält es sich ähnlich. Wörter, die eher zum männlichen Spektrum zählen (z.B. Computer, Torwart), werden von Jungen häufiger richtig geschrieben. Daraus lässt sich eine These formulieren: ''Jungen schreiben und lesen nicht generell schlechter als Mädchen, sondern sie schreiben und lesen anderes (richtig) . ''
Am
häufigsten von Jungen genannte Jungen-
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Jungen-Wörter |
% |
Mädchen-Wörter |
% |
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Fussball Auto(s) Arschloch Lego Cool Spielen Basketball Tennis Geil Handball Computer Dinosaurier Prügeln Tischtennis Fernsehe(r/n) Ärgern Ficke(r/n) Judo Karate Kondom(e) Pirat(en) Gameboy Kloppen Musik Stark Scheisse(n) Sex(y) Schwimmen |
54,8 35,2 12,2 10,4 9,6 8,7 8,2 8,2 8,2 8,2 7,8 7,8 7,0 7,0 6,5 6,5 6,1 6,1 6,1 5,7 5,7 5,7 5,7 5,7 5,7 5,2 5,2 5,2 |
Puppe(n) Barbie(s) Reiten Malen Pferd(e) Seilspringen Gummitwist Spiel(en) Ballett Kleide(r) Blumen Lesen Katze(n) Basteln Tanzen Tier(e) Rock Schön Haare Lieb(e/n) Ohrring(e) Schwimmen Baby(s) Blöde(er) Hund(e) Junge(n) Musik Schmuck Sticker Süß Tennis Doof Haarreifen Lang (Haare) Röcke |
51,9 28,3 20,8 19,8 18,4 16,5 16,0 14,2 12,7 11,3 10,8 10,4 9,9 8,5 8,5 8,5 7,1 7,1 6,6 6,6 6,6 6,1 6,1 6,1 6,1 6,1 6,1 6,1 6,1 6,1 6,1 5,2 5,2 5,2 5,2 |
Dass das Leseverhalten und die Leistungen im Deutschunterricht vom Interessengebiet des Schülers/der Schülerin abhängt, zeigte Milhoffer 1993 in einem Versuch. In einer Klasse mussten sich die Schülerinnen und Schüler folgenden Text durchlesen und dazu Fragen beantworten:
"Horst, Susanne und Stefan hatten eine Eisenbahn bekommen. Sie war auf einer Platte befestigt. Die Schienen führten über Berge und Brücken, durch Täler und Wälder. Der Vater hatte alles im Keller gebastelt. Der Bahnhof hatte drei Gleise. Auf der Strecke gab es Weichen und Signale. Susanne gefiel das kleine Sägewerk am besten, das auf dem Berg stand. Stefan freute sich über die Lichter am Bahnhof und in den Häusern. Vater erklärte die Eisenbahn. Horst sollte die Signale und Weichen bedienen. Susanne durfte die elektrische Anlage einschalten. Der Zug fuhr einige Male im Kreis herum. Dann sollte er auf das Abstellgleis. Aber Horst hatte die Weiche falsch gestellt. Der Zug entgleiste. Horst war ganz weiß vor Schreck. Aber der Vater sagte:"Du wirst es schon noch lernen."."
Es stellte sich heraus, dass es bei Begriffs- bzw. Wort-Bild-Zuordnungen keine geschlechtsspezifischen Unterschiede gab. Wurden jedoch Aufgaben zur Sinnentnahme gestellt, so schnitten die Mädchen schlechter ab als die Jungen. Das lag zum einen daran, dass die Fragen zum Text eher auf die Wissenskenntnisse der männlichen Leser zugeschnitten waren. Zum anderen fehlte es den Mädchen an Motivation sich mit dem Text auseinanderzusetzen. Denn bei Untersuchungen des Textinhaltes kam heraus, dass die Mädchen nur Randfiguren darstellten und dass die Handlungsabläufe eher die Jungen ansprachen.
Dieser Versuch verdeutlicht also, dass die Leistung von den Interessen des einzelnen Schülers abhängt und es keineswegs so ist, dass Jungen generell schlechter in Deutsch sind als Mädchen.
Diese Ergebnisse zeigen, dass dem individuellen Eingehen auf Schüler eine sehr große Bedeutung zugeschrieben wird. Ein an den Ineressen der Kinder orientierter Unterricht muss möglichst für jedes einzelne Kind die Möglichkeit bieten, von seinen Vorlieben auszugehen und darf nicht nur die Lesekompetenzen der Mädchen honorieren. Denn jeder Leser trägt in sich selbst mehrere, oft stark divergierende Lesebedürfnisse, abhängig von psychischen, emotionalen, sozialen, lebensgeschichtlichen und intellektuellen Momenten.
Für die Steigerung der Lesemotivation sind das Vorlesen, die Miteinbeziehung von Freizeitliteratur, Bücherstunden, eine Klassenbücherei, die nicht nur Kinderbücher, sondern auch Kinder-Sachbücher zu verschiedenen Themen enthält, sowie regelmäßige Buchvorstellungen ein bedeutsamer Weg der Heranführung von Kindern an Bücher. Dafür ist es zum einen wichtig den Unterricht so interssant wie möglich zu gestalten, zum anderen muss der Lehrer eine positive Ausstrahlung zu Büchern haben.
Praxis Deutsch 123 1/94 Seite 3-9
Richter/Brügelmann: Mädchen lernen anders, anders lernen Jungen, Konstanz 1994
Martina Gilges: Lesewelten, geschlechtsspezifische Nutzung von Büchern bei Kindern und Erwachsenen. Bochum: Brockmeyer 1992
Grundschule 1/91, 12/98, 12/99
R. Richtzenhain, S. Zeidler, A. Siwek
1. Lesesozialisation in der Familie
2. Hintergrund
3. Geschlechtsspezifische Unterschiede
3.1 allgemein
3.2 speziell
3.3 Praktisches Beispiel der Interessen
3.4 Erklärungshintergrund: Interessenforschung
4. Folgerung für die pädagogische Arbeit
der überwiegende Teil der Kinder liest gern und häufig (absolute Nichtleser sind nicht aufgetaucht)
insgesamt spielt das Buch im Alltag der Kinder eine größere Rolle als in der Freizeit der Väter
Mütter lesen mehr als Kinder und Väter
Mutter ist zentrale Bezugsperson für die Leseentwicklung der Kinder
von den Müttern gehen die Leseinteressen auf die Kinder über, da meistens sie diejenigen sind, die ihren Kindern etwas vorlesen oder Bibliotheksbesuche machen
bei vergleichbaren Sozialisationsvoraussetzungen gibt es deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede im Leseverhalten
wenn über das Problem "Jungen und Mädchen in der Schule" gesprochen wird, geht es meistens um die Benachteiligung von Mädchen
im Bereich Sprache ist das umgekehrt (Mädchen besser)
Mädchen erbringen bessere schriftsprachliche Leistungen
Jungen schneiden beim Lesen von Gebrauchs- und Sachtexten gleich gut oder besser
Mädchen und Jungen schreiben und lesen ihre Interessenwörter häufiger richtig als Wörter, welche sie nicht so interessant finden
2 Faktorengruppen: biologische und soziologische - diese Erklärungsmodelle sind zu einfach
Unterschiede nicht nur bei Vätern und Müttern, sondern schon bei Jungen und Mädchen am Ende der Grundschulzeit
Mädchen: - Mädchen haben größere Lesefreude
- entwickeltere Lesefertigkeit
- lesen technisch besser
- Mädchen haben ein undistanzierteres und affektiv reicheres Verhältnis zum Buch
Jungen:
-Lesehemmungen
liegen große Unterschiede in der Leseleistung, wie auch in weiteren intellektuellen und schulischen Leistungen vor
a) Frühlesequote
b) Leseleistung
c) Leseverhalten und Lektüreninteresse
d) Begabungsinteressen
die Begabung und das Leseverhalten hängt vom Interessengebiet ab, was auch Milhoffer 1993 bestätigte
dazu wurde ein Versuch in einer Klasse durchgeführt, bei dem sich die Schülerinnen und Schüler einen Text durchlesen sollten
es stellte sich heraus, dass es bei Begriffs- bzw. Wort-Bild-Zuordnungen keine Unter
stellte man jedoch Aufgaben zur Sinnentnahme, so schnitten die Mädchen schlechter ab als die Jungen
bei Untersuchungen des Textinhaltes kam heraus, dass die Mädchen nur Randfiguren waren und dass die Handlungsabläufe eher die Jungen ansprachen
Wörter aus dem eigenen Interessenbereich werden öfter gelesen und geschrieben, werden besser gekonnt
wenn die Interessen von Jungen im Schriftsprachbereich zu wenig berücksichtigt werden, kann man mit diesem Konzept folgendes erklären:
die höhere Abhängigkeit der Rechtschreibleistung der Jungen vom Wortinhalt
individuelles Eingehen auf Interessen
Vorlesen als bedeutsamen Weg der Heranführung von Kindern an Bücher
Informationen über Bücherauswahl auf Elternabenden
auch Freizeitliteratur sollte in den Unterricht mit eingebunden werden
Bücherstunde in der Schule (Kinder stellen Bücher vor)
ein an den Interessen orientierter Unterricht muss möglichst für jedes einzelne Kind die Möglichkeit bieten, von seinen Vorlieben auszugehen
Anfangsunterricht, indem die Kinder von Beginn an die Möglichkeit zur Verschriftung eigener Texte haben
Schreib- Bilder- Kartei
Klassenbücherei, die nicht nur die üblichen Kinderbücher enthält, sondern auch
Kinder-Sachbücher zu verschieden Themen
Wunschliste, auf die weitere Bücher für die Klassenbücherei geschrieben werden können
Lehrer muss über das aktuelle Medienangebot informiert sein
Verbindung von Ausschnitten aus dem literarischen Text und denen der filmischen Varianten (Verbindung von Film und leterarischer Originalität)
Grundschule 12/99 S.38-40
Grundschule 1/91
Grundschule 12/98
Praxis Deutsch 123 1/94 S. 3-9
Richter/ Bringelmann: Mädchen lernen anders als jungen; Konstanz 1994
PD
111 1/92
©opyright bei den Verfasserinnen, Berlin, Januar 2000
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06.04.2003