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Lesen
in der Schule
Elementare
Grundlagen des Lesens - i. e. S. die Technik des Lesens - sollten mit
Ende des 1. Schj. vorhanden sein. Hierauf baut das weiterführende
Lesen auf. Wir wenden uns nun vor allem den Inhalten zu, dem Verstehen
von Texten. Literarische Erziehung tritt immer mehr in den Vordergrund.
Was
ist Lesen?
"Wer
nur Lesen lehrt, lehrt nicht Lesen" - Lesen ist immer Sinnerfassung, Sinnentnahme
und Sinngebung.
Lesen
ist nicht allein das flüssige Aussprechen von Buchstabenfolgen. (Dieses,
bei Leseanfängern häufig zu beobachtende, uneigentliche Lesen
wird auch als Rekodieren bezeichnet, im Gegensatz zum Dekodieren, bei
dem die Sinnerfassung immer inbegriffen ist!)
Lesen ist kognitives Probierverhalten (Goodman)
"Lesen ist äußerlich gelenktes Denken" (Neisser)
Der
Leseprozess wird als eine kreisende Bewegung im Umfeld von Denken und
Sprechen gesehen. Beim Lesen eilen wir als Lesende dem Lesen voraus. Wir
stellen Vermutungen an. Wir verwerfen sie oder sehen sie bestätigt.
Wer liest, muss sprachliches und außersprachliches Wissen aktivieren,
um das Gemeinte herauszufinden und den Text zu entschlüsseln. Beim
ersten Blick auf den Satz (Antizipation) entwickeln wir eine Idee des
Gemeinten (eine Hypothese). Diese Idee überprüfen wir - sozusagen
erst beim zweiten Hinsehen -und gleichen sie an unseren Erfahrungshintergrund
ab.
Lesen
ist somit weit mehr als ein Prozess der Sinnentnahme und Sinnerfassung.
Lesen ist immer auch (individuelle) Sinngebung. Dabei sind Lesetechnik
und Sinnerschließung dialektisch verschränkt.
Am
Beginn des Lesens steht die optische Wahrnehmung von Schrift. Von unserer
Lesefertigkeit, aber auch von unserer Befindlichkeit - und vor allem auch
vom jeweiligen Text - hängt es ab, wie viele Einheiten (Buchstaben,
Silben, Morpheme, Signalgruppen, Wörter, Satzteile, Sätze) wir
mit "einem Blick" erfassen. Für uns - als versierte Leser - gilt:
Wir nehmen charakteristische und bekannte Wörter nicht mit allen
Schriftzeichen wahr. Wir entschlüsseln Einzelwörter aus der
Gesamtgestalt der Wortbilder bzw. aus dem Kontext des Satzes/Abschnittes/Textes.
Die
rein optische Wahrnehmung der Schrift löst eine Reihe kognitiver
Prozesse aus. Wir beziehen unser vorhandenes - auch latent vorhandenes
- Wissen (um Phonologie, Morphologie, Syntax, Lexik, Literatur...) in
den in Gang kommenden Denkprozess ein.
Wir
machen beim Lesen so genannte Fixationspausen, d.h. wir erfassen, je nach
individueller Lesefertigkeit größere Textsequenzen simultan.
Wir
erfassen normalerweise beim Lesen einzelner Wörter sofort deren Sinn.
Nur bei schwierigen, neuen Wörtern und bei schwer leserlichen Texten
greifen wir auf das bewusste Erfassen von Einzelbuchstaben zurück.
(D.h. die Fixation von Einzelbuchstaben nimmt zu.)
Lesen
ist also viel leichter, wenn ein Textzusammenhang vorhanden ist.
Es ist nämlich wesentlich leichter, ein Wort aus einem Textzusammenhang
heraus zu verstehen! (Leseanfängern und schwachen Lesern hilft es
deshalb gerade nicht, wenn wir ihnen isolierte Einzelwörter zum Lesen
anbieten!)
In der Regel reproduzieren wir beim Lesen übrigens das Klangbild
überhaupt nicht. Nur in Ausnahmefällen, erst bei schwierigen
oder uns besonders bedeutsamen Textstellen kann es sein, dass wir flüsternd
Vor-Lesen oder innerlich Mitlesen!
Welche
didaktisch-methodischen Konsequenzen hat das, was wir über den Leseprozess
wissen, für den Leseunterricht?
Grundsätzlich
ist Lesen immer ein Erfassen von Inhalten und eine Auseinandersetzung
mit ihnen. Lesen vollzieht sich immer an Lesenswertem. Lesen zielt immer
auf Sinnentnahme. Diese kommunikative Funktion des Lesens ist leitendes
Prinzip für den Leseunterricht.
Das
in der Schule nach wie vor verbreitete Lesen lässt dagegen eher vermuten,
Lesen sei eine Sache der Sprechwerkzeuge
Kinder hören viel vom Betonen und von deutlicher Aussprache, üben
ausdauernd das fehlerfreie Lautlesen. Sie lernen, wie man zu Abschnitten
Überschriften sucht, dass man unverstandene Wörter aufschreiben
und rechtschriftlich schwierige Ausdrücke herausschreiben kann. Sie
erleben, dass man ein Lesestück nacherzählen muss und dergleichen.
Der äußeren Tätigkeit wird entschieden mehr Übung
gewidmet als der innerlichen, geistigen Arbeit. Und - hier wird meist
ein Teilgebiet bevorzugt: das laute Lesen.
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Sechs
Thesen zur Lesedidaktik in der Grundschule
These
1: Lesen ist ein individueller Prozess
Lesefähigkeit,
Lesefertigkeit, Leseinteresse, Lesetempo sind bei 28 Kindern einer Klasse
völlig verschieden - das muss Leseunterricht berücksichtigen.
Individuelles Lesetempo, besonders aber individuelles Leseinteresse sprechen
gegen die Praxis des lauten Vor- und Mitlesens. Wenn wir die unterschiedliche
Lernvoraussetzungen der Kinder dadurch auffangen wollen, dass wir selbst
- oder gute Leser - vorlesen, damit der Text allen Kindern bekannt ist
und man hinterher über ihn sprechen kann, dann geben wir gerade den
Kindern mit geringer Lesefertigkeit keine Chance, zu erfahren - und zu
lernen
-, wie man sich selbständig einen Text erschließt.
Lesen-üben findet für sie eben nicht statt - nur hören!
Hinzu kommt: Der Lernertrag ist eingeschränkt. Für Leser wie
für Hörer! Beim Vorlesen eines unbekannten Textes können
die Leser die Informationen sprachlich nicht optimal darstellen. Sie erfassen
den Inhalt beim lauten Vorlesen aber auch nicht genügend. Die nur
Mitlesenden haben auch keinen Gewinn: Sie werden in ihrer persönlichen
Sinn-Entnahme von dem laut Lesenden gestört, weil jedes Kind ein
anderes Lesetempo besitzt.
Gerade
Kindern mit Leseschwierigkeiten müssen aber eine Gelegenheit erhalten,
sich den Text überhaupt erst einmal lesend vorzubereiten. Nur so
erhalten sie eine Chance, Erfolgserlebnisse im selbständigen Erlesen
der Texte zu erfahren, nur so können sie zu "Lesern" werden!
Kinder im Lesen zu fördern bedeutet eben nicht, ihnen das Lesen abzunehmen!
Kinder im Lesen zu fördern bedeutet, ihnen Leseaufgaben zu bieten,
die sie lesend bewältigen können
!
Differenzierende
Lesehilfen können sein:
formal:
Satzlänge, Schriftgröße, Druckbild, Gliederungshilfen
(Bieten
Sie Kindern mit Leseschwierigkeiten immer wieder einmal einen verkürzten
Text an, einen Text der keine Zeilensprünge aufweist. Vgl. hierzu
Bergk, Sennlaub im Reader.)
inhaltlich:
unterschiedlicher Schwierigkeitsgrad (Länge, Wortmaterial) der Texte
für verschiedene Gruppen, unterschiedliche Aufgabenstellungen an
die Textbearbeitung.
(Kinder mit Leseschwierigkeiten lesen einen Teil der Geschichte und berichten
anschließend darüber. Einige Kinder erhalten eine gekürzte
Fassung, fortgeschrittene Leser bereiten bereits weiterführende Aufgaben
vor.)
Entscheidend
für jegliche Differenzierung - auch im Leseunterricht - ist: Die
Lerngruppe darf nicht auseinanderdriften. Obwohl die Kinder nicht das
gleiche lesen, obwohl sie unterschiedliche Aufgaben bearbeiten, sollten
ihre Lese-Erlebnisse auf irgendeine Art wieder zusammengeführt werden,
z. B. indem jeder etwas zum Gelingen eines gemeinsamen Vorhabens beiträgt.
Differenzierung darf nicht zu Vereinzelung führen!
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These
2: Sinnerschließendes Lesen und Vorlesen sind zwei völlig verschiedene
Aufgaben
"Lesen
ist vor allem ein Prozess des Begreifens, nicht des Sagens: es ist nicht
nötig, das Wort auszusprechen, um den Sinn zu erfassen" (Kurt Singer)
- Das muss Leseunterricht berücksichtigen.
Im
Alltag ist stilles Lesen die Leseform schlechthin. Zum Lesen brauchen
wir Stille. Zum Lesen ziehen wir uns zurück. Beim Lesen wollen wir
nicht gestört werden
Die Sinnerfassung gelingt beim stillen Lesen unmittelbarer und rascher
als beim lauten Lesen. Das Vorauseilen der Sinnerwartung, das Zurückgreifen
auf schon Gelesenes und das Nachsinnen über Fragliches hilft dem
Kind, einen Text zu verstehen. Um so sicherer liest es weiter (weil der
Sinn immer klarer wird, um die nächsten Wortbedeutungen einzufangen).
Dazu müssen wir Kindern Zeit einräumen!
Marion
Bergk drückte das einmal sehr eindrucksvoll aus:... Ein Kind, das
mit seinen Augen die Buchstabenreihen entlangschlurft, angetrieben durch
ständiges Artikulierenmüssen,... kriecht wie durch einen engen,
dunklen Gang."... Ein Kind, dessen Augen frei hin- und herspringen können
in den Zeilen...(vor und zurück, hinauf und hinunter auf der Seite),...dessen
Augen vor allem verweilen können, wo immer und wie lange sie wollen..."dieses
Kind turnt durch den Text wie durch einen luftigen Kletterwald"...
Trotzdem
wird dem stillen Lesen in der Grundschule kaum Raum gegeben, wird das
stille Lesen kaum gefördert. Diese Förderung jedoch unbedingt
notwendig, denn das Lesen komplexer Texte und die Lektüre von Büchern
erfordert bestimmte Fähigkeiten (z. B. überfliegendes Lesens,
auch verweilendes Lesen).
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These
3: Lesen ist nicht gleich Lesen
Informierendes
Lesen verlangt eine ganz andere Lesehaltung als das Schmökern. Lassen
Sie zu, dass die Kinder in Nischen, Leseecken und unter Tischen verschwinden,
wenn sie eine Geschichte lesen, die eine solche Lesehaltung ermöglicht.
Sorgen Sie dafür, dass sie sich mit Markierungsstift oder Papier
und Bleistift ausgestattet an die Lektüre eines informierenden Textes
heranmachen.
Sorgen
Sie vor allem dafür, dass Kinder wissen, welche Lesehaltung gefordert
ist.
These
4: Leseinteressen bestimmen was wir aufnehmen
Verwertungsinteressen
bestimmen unseren Lesestil. Das Behalten und Wiedergebenwollen konzentriert
unsere Aufmerksamkeit. Unsere Erwartungen bestimmen, was wir auffassen
bzw. übergehen.
Auch Kinder sollten deshalb immer die Absichten und ggf. die Fragestellungen
kennen, unter denen sie "diesen" Text lesen sollen.
(Wann
haben Sie zuletzt einen Text "gelesen", ohne hinterher überhaupt
zu wissen, was eigentlich drin stand? Ist Ihnen das jemals bei einem Roman
Ihrer Lieblingsautorin passiert?)
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These
5: Lesefehler zeigen, dass die Sinnerwartung den Lesevorgang steuert!
Wann
haben Sie zuletzt bei der Lektüre der Morgenzeitung gestutzt, einen
Satz mehrfach noch einmal gelesen, bis Sie den einen "Lesefehler" fanden,
der für Ihr Stutzen verantwortlich war?
Wenn
wir Fehllesungen sofort korrigieren, unterbrechen wir u. U. den internen
Korrekturvorgang. Nach Vollendung des Satzes spürt der Leser vielleicht
selbst eine Unstimmigkeit, die ihn stutzen lässt, die ihn den Satz
nochmals lesen lässt.
Dieses Stutzen - diese produktive und funktionale Leistung gilt es im
Leseunterricht zu thematisieren und nicht zu stigmatisieren. Korrekturen
sind nur über Rückfragen nach der Bedeutung des Gelesenen hilfreich!
Kinder,
die ungenau lesen und Wörter ersetzen, ersetzen diese meist durch
grammatikalisch und semantisch mögliche "Verlesungen". (Stört
es den Verstehensprozess, wenn ein Wort durch ein ähnliches - vom
Sinnzusammenhang passendes Wort ersetzt wird? Meist nicht! Warum wollen
wir dann einen "Fehler" monieren - auf den stimmigen Kontext kommt es
an, auf mehr nicht!)
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These
6: Vorlesen will geübt sein und erfordert aufmerksame Zuhörer
Häufig
wird im Leseunterricht völlig übersehen, dass Texte zum Lesen
vorbereitet sein müssen. Erst dann kann man sie vortragen.
Und: Kinder müssen wissen, wie sie das tun können! Erst nach
einer ersten Begegnung mit dem Text, in der der Sinn erschlossen wird,
kann eine "Lesung" vorbereitet werden.
Versierte
Leser eilen bereits während des Vorlesens mit den Augen gleichmäßig
über einzelne Wörter des Sinnschrittes hinweg. Dem sinngestaltenden
Lesen geht bereits ein stilles Sinnerfassen voraus. Durch dieses vorrausschauende
Lesen gelingt es, eine Folge einzelner Wörter als sinnvolles Miteinander
zu begreifen. Der Leser beginnt also erst zu sprechen, wenn er den Sinnschritt
ganz erfasst hat. Kinder im Grundschulalter sind aber noch keine versierten
Leser - sie sollen erst versierte Leser werden! Die lesevorbereitenden
Handlungen sind erlernbare Arbeitstechniken, die gelungenes Vorlesen ermöglichen.
Um
das Vorlesen vorzubereiten, muss jedes Kind
-
zuerst
den gesamten Text lesen, um sich erst einmal zu orientieren, um Inhalt,
Aussage, Intention und Stimmung zu erfassen
-
ihn
dann noch einmal aufmerksam durchlesen, um den Text noch genauer kennenzulernen
(still oder als erster individueller Vorleseversuch)
-
ihn
schließlich absatzweise durcharbeiten (mit Blick auf die Betonung
der Sinnwörter, die Pausengestaltung, die zu beachtenden Zeilenübergänge,
z.B. bei Gedichten)
Dazu
müssen wir den Kindern Methoden an die Hand geben:
- Herausfinden und Unterstreichen der zu betonenden Wörter
- Herausfinden von Pausen und Setzen von Pausenzeichen
- Markieren von Zeilenübergängen, die überlesen werden
sollen
den
mit Lesehilfen versehenen Text sollte das Kind dann - als "Generalprobe"
- einem Partner vorlesen. (Vgl. Arbeitsauftrag zum Lesen im Reader zum
Seminar im.)
Lesen
lernt man durch Lesen - dieser Satz ist schon zwanzig Jahre alt -
er stammt von Richard Bamberger
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