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WS
1995/96 24.01.96
S: 12176: Zum Lesen motivieren
Dozentin: Dagmar Wilde
Referenten: Silke Küsel, Frank Leuenberg, Anne Stier
Eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung Anfang der neunziger Jahre ergab folgendes Ergebnis: 6 1 % der Mädchen lesen ausdrücklich gerne, aber nur 43% der Jungen.
insg. Mädchen
Jungen
Abenteuer 26 19 33
Problembücher 20 24 17
Roman 16 19 12
Sachbuch 15 10 20
Literatur 13 14 13
Kinder-/Jugendb. 10 14 5
(Quelle:Lesesozialisation Bd.2, Leseerfahrung und Lesekarrieren, Studie der Bertelsniann-Stiftung, Gütersloh 1993, S.215-31 1)
Mädchen und Jungen unterscheiden sich nicht in der Breite ihrer Leseinteressen, aber in deren qualitativem Spektrum. das "Abenteuerbuch" z.B. wie auch das "Sachbuch über Erfindungen und Technik" erfreut sich bei den Jungen größerer Beliebtheit als bei den Mädchen. Auch Comic-Leser sind häufiger unter den Jungen zu finden. Mädchenbücher sind dagegen nach wie vor attraktiv für die junge weibliche Leserschaft. Besonders in der Vorreife- und Reifezeit sind die Leseinteressen sehr unterschiedlich. Mädchen greifen auch auf (sogenannte) "Jungenbücher" über, Jungen haben aber an Mädchenbüchern kein Interesse. Dieses Phänomen bleibt in der traditionellen Kritik ungeklärt und ist erst durch die unterschiedliche Sozialisation von Jungen und Mädchen und damit die unterschiedliche gesellschaftliche Stellung der Geschlechter in der Gesellschaft erklärbar.
Ganz allgemein waltet bei den Mädchen beim Lesen ein starkes Ich-Interesse vor, "Ich" im Sinne von Subjektivität und nicht im Sinne eines Anspuchs auf Autonomie verstanden.
Die Mädchen lesen in hohem Maße mit Bezug auf sich selber.
Sie
suchen nach Vorbildern zur Lebensorientierung, die eine Wiederherstellung
des
Vertauens zum fragwürdig gewordenen Selbst ermöglichen.
Das
Interesse an aufregenden Ereignissen und an Spannung teilen die Mädchen
mit den
Jungen.
Schwerpunkt
des Interesses bei Mädchen sind Idealzustände und harmonische
Verhältnisse
oder deren Herstellung sowie überschaubare gefühlsintensive Kleingruppenbeziehungen.
Die Darstellung von Mädchengestalten in den Büchern trifft auf ein ausgeprägtes Interesse der jungen Leserin, auf das Bedürfnis, sich mit der eigenen Person zu befassen und über sich selbst zu reflektieren, besonders, wenn die Gestalt über verschiedene Entwicklungsstufen verfolgt werden kann, deren Werde-Bedingung und endliches Ergebnis damit erkennbar werden (biografisches Interesse und Zukunftsorientierung). Auch der Junge sucht, vor allem mit beginnender Pubertät, über die Lektüre den Zugang zur eigenen Person, jedoch nicht mit der gleichen Intensität wie das Mädchen. - die Leserin will sich gefühlsmäßig engagieren und bevorzugt daher eine Lektüre, die eine Art "Gefühlsdramaturgie" bietet, die ein gutes Ende garantiert. Man ist gern traurig vor allem aber um das Glück, auf das alles hinausläuft, um so intensiver genießen zu können. Immer wieder schlägt ein Interesse am Ausgleich der eigenen Gefühlsambivalenz durch.
entstanden Ende des 18. Jahrhunderts
erbaulich-lehrhafte Unterhaltungsliteratur für Mädchen und Frauen
sollte Mädchen auf die Rolle als Frau vorbereiten
begangene Streich werden stets mahnend erwähnt oder erzählt
Entstehung des "Backfischbuches" Anfang des 20.Jahrhunderts (z.B. Pucki, Nesthäckchen, Hanni & Nanni)
Standesbewußtsein für höhere Töchter
Themen: Familie, Wohltätigkeit gegenüber den Armen, ländliche Idylle
zur Unterstützung des wilhelminischen Standesstaates
Fixpunkte sind immer Mann und/oder Familie
Berufe meist hauswirtschaftlich oder pflegerisch-sozial
Happy-End ist oft Versöhnung oder bezähmter Trotz
besondere Erzählform ist distanzabbauend und erleichtert die Identifikation
9-11jährige Mädchen: fröhlich, mit Streichen aufgelegt, jungenhaft kühn und wild, bewundert und beneidet von anderen, heldenhaftes Verzeihen von mißgünstigen Negativfiguren. Beispiel: Trotzphase des Trotzköpfchens
Der Buchtyp "Mädchenbuch" ist in unserer heutigen Gesellschaft sehr umstritten und aufgrund dieser Tatsache nicht eindeutig zu definieren. Kritiker, die das Mädchenbuch als ernstzunehmende Literatur stets infrage stellten, gelangten schließlich zu der Überzeugung es als gesellschaftliches Phänomen hinzunehmen, um es nicht noch zusätzlich unverdient aufzuwerten. Das Problem "Mädchenbuch" erledige sich, so die Kritiker, in der individuellen Leseentwicklung von selbst.
Befürworter wollen einerseits das Mädchenbuch als literarische Form akzeptiert wissen und damit traditionelle Werte vermitteln, andererseits möchten sie, daß man sich beim Lesen eine gewisse Naivität bewahrt und es nicht zu ernst nimmt.
Es reicht jedenfalls nicht alleine aus, Mädchenbücher mit der Leseerwartung oder den Lesemotiven der Mädchen zu bestimmen. Es würde den Bereich der "Jungenliteratur" (Bandengeschichten, Jugendkrimis, Umweltabenteuer), der von Mädchen auch gelesen wird, ebenfalls betreffen. Während das Mädchenbuch fast ausschließlich von Mädchen gelesen wird und die Jungen es meist schroff ablehnen, wird das sogenannte Jungenbuch durchaus auch gern von Mädchen gelesen. Es können also nur die Bücher betrachtet werden, die vorzugsweise alleine von Mädchen gelesen werden.
Mädchenbücher haben im Gegensatz zu anderen Jugendbüchern fast immer Mädchen als Hauptfiguren, sie befassen sich speziell mit weiblichen Empfindungen und als Darstellungsprinzip werden geschlechtsspezifische Unterschiede (typisch weibliche Verhaltensweisen / die traditionelle Rolle der Frau) immer wieder hervorgehoben.
Autoren von Mädchenbüchern haben die Absicht Mädchen mit diesen Unterschieden immer wieder zu konfrontieren, sie zu sozialisieren und irgendwo zu manipulieren (Mann soll als Gegenpol zur Frau verstanden werden: überlegen, übergeordnet, privilegiert). Daraus ergibt sich die gewollte untergeordnete Rolle der Frau mit ihren längst überholten typisch konservativ weiblichen Eigenschaften: liebenswertes Gemüt, weichherzig, bescheiden, anlehnungsbedürftig, sich unterordnend, selbstlos, hilfsbereit, familiär, abhängig, zurückhaltend/passiv, verträumt, romantisch, altmodisch eingestellt und äußerlich sehr attraktiv.
Mädchenbücher fördern wünschenswerte/lobenswerte Eigenschaften (traditionelle Werte) ohne Rücksicht auf Widersprüchlichkeiten in den jeweiligen Verhaltensweisen und lehnen "falsche" Verhaltensweisen demonstrativ ab, indem Wildheit, Eigensinn, Trotz, Verwöhntheit, Kritiksucht und die Weigerung der weiblichen Norm zu entsprechen als warnendes Beispiel fungiert, ermahnt und ggf. bestraft wird.
Literatur, die sich speziell mit "weiblichen" Bedürfnissen befasst
es paßt sich überholten Sozialstrukturen an, da milieu-traditionsbedingte Bedürfnisse bewußt manipuliert werden, damit sie im Unterbewußtsein der Mädchen wirken
je rückständiger/veralteter das jeweilige Weltbild (insbesondere die Rolle der Frau) ist, desto eindeutiger kann man von Mädchenbuch sprechen
Dahrendorf,
Malte: Das Mädchenbuch und seine Leserin. Weinheim, Basel 1978.
Haas, G.: Kinder- und Jugendliteratur. Ein Handbuch. Stuttgart 1984, S. 120-134.
Lesesozialisation, Bd.2, Leseerfahrung und Lesekarrieren, Studie der BertelsmannStiftung,
Gütersloh 1993.
Mayr-Kleffer, Verena: Mädchenbücher: Leitbilder für Weiblichkeit,
Opladen 1984
©opyright Silke Küsel, Frank Leuenberg, Anne Stier, Berlin, Januar 2000
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06.04.2003