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A. Burmester, M. Kamradt
In den 60er Jahren gab es vornehmlich die Diskussion, ob Kinder- und Jugendliteratur überhaupt einen Platz im Deutschunterricht haben sollte; Titel wie z.B. "Gehört das Jugendbuch in die Unterrichtsstunde?" oder "Neugestaltung der Leseerziehung durch Einbau der Privatlektüre der Schüler in den Unterricht" sind hierfür bezeichnend.
In den 70er Jahren wurde dann die "Ob"-Frage durch die "Wie"-Frage abgelöst und man versuchte sich in ersten Unterrichtsmodellen und -einheiten.
Häufig Klassiker aus den Bereichen:
- Grundschule: Märchen, Tiergeschichten, Sachbücher und realistische Kindererzählungen, Bilderbücher
- Oberschule: Jugenderzählungen, Problemliteratur, Abenteuer- und Detektivgeschichten
- In der Grundschule gibt es einen vielfältigen und gewohnheitsmäßigen Umgang mit Kinderliteratur (90% der Lehrer setzen Ganzschriften gerne ein)
- In den Oberschulen nimmt der Umgang mit Jugendbüchern ab.
- Im Alter, in dem Jugendliche sich verstärkt anderen Medien zuwenden wird in Ostdeutschland im Gegensatz zu Westdeutschland dem entstehenden "Leseloch" stärker entgegengewirkt.
Forderungen
der Lehrkräfte
- mehr Zeit für den Einsatz von Ganzschriften
- Kostenfrage muss geklärt werden
- verstärkte Vorgabe durch den Lehrplan
Was
muß zur Leseförderung getan werden?
- größere Flexibilität bei Lektürauswahl
- nicht nur tradierte Schullektüren, ebenfalls Trivialliteratur behandeln
- größerer Stellenwert der Grundschule
-
Ganzschrift muß im Rahmenplan verankert werden
- Zusammenarbeit und Informationsaustausch zwischen Schule, Elternhaus, Verlagen
und Büchereien muss stattfinden
Lernziele
im Umgang mit Ganzschriften
- Leseerziehung und Förderung der Kommunikationsfähigkeit
- Lesefreude und Entwicklung einer konstanten Lesehaltung
Zunächst sollte man erwähnen, dass die im folgenden genannten Ergebnisse auf eine schriftliche Umfrage im Zeitraum von 1995 in 4 verschiedenen Bundesländern zurückzuführen ist. An der Umfrage nahmen 1500 Lehrerinnen und Lehrer von allgemein öffentlichen Schulen in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen teil.
Als erstes möchte ich auf die Frage eingehen:
Man sollte erwähnen, dass sich beim Einsatz von Kinder- und Jugendbüchern häufig Differenzen zwischen den Schularten vor allem zwischen Grundschulen und weiterführenden Schulen ergeben.
GRUNDSCHULE: Am häufigsten setzen Grundschullehrkräfte
Märchen (88 %)
Tiergeschichten (86 %)
Sachbücher und realistische Kindergeschichten (79 %)
Bilderbücher (68 %)
Humorvolle Literatur (62 %)
Abenteuer- und Dedektivgeschichten (61 %)
Problemliteratur (44 %)
In der Grundschule werden vor allem humor- und phantasievolle Bücher von Autoren wie Astrid Lindgren, Peter Härtling, Paul Maar, Michael Ende, Christine Nöstlinger, Otfried Preußler oder Ursula Wölfel gelesen.
"Ben liebt Anna"
"Pippi Langstrumpf"
"Die feuerrote Friederike"
"Die unendliche Geschichte"
In den weiterführenden Schulen ändert sich die Rangfolge der Gattungen ganz erheblich.
HAUPT- und REALSCHULE, GYMNASIUM: 1. Jugenderzählungen (71 %)
2. Problemliteratur (62 %)
3. Abenteuer -und Dedektivgeschichten
In den weiterführenden Schulen werden vorwiegend problemorientierte Erzählungen von Autoren wie z.B. Ursula Wölfel, Christine Nöstlinger, Irina Korschunow, Erich Kästner, aber auch Dickens gelesen.
In jedem Jahr werden etwa 4000 neue Titel auf den Buchmarkt gebracht, dies führt beim Publikum und auch bei den Lehrkräfte häufig zu erheblichen Orientierungsschwierigkeiten bzw. Probleme bei der Lektürauswahl.
Daher orientieren sich viele Lehrerinnen und Lehrer an renommierten Autoren und greifen gerne auf "Klassiker" zurück, um so der Gefahr zu entgehen, dass Neuheiten auf dem Buchmarkt beim heutigen Angebot, im nächsten Jahr schon wieder durch andere Neuheiten verdrängt oder ersetzt worden sind.
Das innovative Kinderbuch ist zudem immer stärker auf eine Art Elite - Publikum ausgerichtet und erreicht so nur eine kleine, exquisite Gruppe von hauptsächlich Adressatinnen.
"Klassiker" oder "Longseller", wie man sie vielleicht besser bezeichnen sollte, dagegen überschreiten diese Publikumsbegrenzung. Ihre Stoffe und Erzählformen sind im allgemeinen prägnanter, robuster, leichter zugänglich und lösen immer relativ einfache, starke und auch benennbare Gefühle aus. Durch ihre einfache und handlungsbetonte Erzählstruktur erfüllen viele "Klassiker" ihre lesemotivierende Funktion und bieten so ein großes leseförderndes Potential. Lehrkräfte sehen in "Klassikern" oft die Möglichkeit auf Literatur zurückgreifen zu können, die bereits von mehreren Generationen gelesen wurde und über die man innerhalb der verschiedenen Generationen ins Gespräch kommen kann. Bei der Lektürauswahl wird also häufig auf Bewährtes und renommierte Autoren zurückgegriffen, so dass sich gut eingeführte Bücher lange in der Schule halten und neue Autoren große Schwierigkeiten haben ihre Werke in die Schulen zu bringen. Diese Fixierung auf Bewährtes stellt die Gefahr einer Beschränkung in der Lektürauswahl dar.
Laut dieser Umfrage gibt es im Deutschunterricht der Grundschule einen vielfältigen und gewohnheitsmäßigen Umgang mit Kinderliteratur. 90 % der befragten Lehrkräfte gaben an, gerne Ganzschriften im Unterricht einzusetzen, d.h. durchschnittlich werden in einem Jahr 2 Bücher gelesen.
Innerhalb der Gesamtstichprobe zeigt sich jedoch, dass beim Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule der Einsatz von Ganzschriften und somit der Umgang von Kinder - und Jugendliteratur im Unterricht erheblich abnimmt. Hier sollte kurz der Unterschied zwischen Ost - West erwähnt werden. Im Osten sprich den neuen Bundesländern werden häufiger Kinder- und Jugendbücher eingesetzt als in den alten Bundesländern.
Gerade
im Alter, wo Jugendliche sich verstärkt für andere Medien wie dem
Fernseher zu und vom Buch abwenden, wird in den westdeutschen Schulen dem entstehenden
"Leseloch" nicht entgegengewirkt.
In Ostdeutschland dagegen wird eine schulische Lesetradition, die ihren Ursprung
im Rahmenplan der ehemaligen DDR hat, fortgeführt.
verbesserte äußere Bedingungen
Für den Einsatz von Ganzschriften im Unterricht müsste mehr Zeit zu Verfügung stehen
Klassensätze müssten Vorhandensein und die Kostenfrage in der Anschaffung dieser muss geklärt werden.
Verstärkte Vorgabe durch den Lehrplan
Bei der Lektürauswahl, vor allem in der Sekundarstufe, sollten nicht nur tradierte Schullektüren gelesen werden, sondern ebenfalls Trivialliteratur. Dazu zählen auch Bücher, die im Medienverbund den Bezug zu Fernsehserien und Kinofilme herstellen.
Die Verengung der Literaturauswahl auf Problembücher muss aufgehoben werden
In den Lehrplänen muss die Arbeit mit Kinder - und Jugendbüchern verankert und die entsprechende Unterrichtszeit vorgesehen werden. Zudem muss die Wichtigkeit des " Lesens an sich" gerade in höheren Klassen im Lehrplan zum Ausdruck kommen. Außerdem sollte der Lehrplan auf die Möglichkeit der fächerübergreifenden Arbeit mit Ganzschriften hinweisen.
Um eine Erstarrung des Lektürangebots zu vermeiden, wäre es sinnvoller Klassensätze an den öffentlichen Bibliotheken zu sammeln.
Für die Leseförderung ebenfalls wichtig ist die Errichtung von Klassenbibliotheken
Im Deutschunterricht soll durch den Einsatz von Kinder - und Jugendbüchern die Leseerziehung und die Förderung der Kommunikationsfähigkeit im Vordergrund stehen.
Dabei darf das Unterrichtsziel "Lesefreude" und die Entwicklung einer konstanten "Lesehaltung", nicht durch die kognitiven Lernziele und der Erarbeitung von Themen untergeordnet werden.
Einem weiteren Artikel "Ergebnisse einer Erhebung" von Irmtraud Oskamp liegt folgende Hypothese zugrunde: "Der Einbeziehung von Kinder - und Jugendbüchern in den Deutschunterricht wird in der Fachliteratur wie in amtlichen Lehrplänen ein hoher Stellenwert zugeschrieben; Der Unterrichtspraxis kommt dem Einsatz von Kinder -und Jugendbüchern jedoch eher eine geringe Bedeutung zu."
In den 60er - 70er Jahren wurde vornehmlich die Frage diskutiert, ob Kinder - und Jugendliteratur überhaupt ein Platz im Literaturunterricht haben sollte. Ein Jahrzehnt später wurde die "Ob"- Frage durch die "Wie" - Frage abgelöst.
Um die anfängliche Hypothese zu klären wurden mittels Fragebögen, die an 1179 Lehrkräfte an Grund-, Haupt - und Sonderschulen verschickt wurden, Informationen zum
Umfang von Kinder - und Jugendbüchern zur Zeit im Deutschunterricht.
Welche Gattungen werden Bevorzugt gelesen?
Wo informieren sich die Lehrkräfte über unterrichtsgeeignete Bücher?
Was bewegt Lehrer zum Einsatz von Ganzschriften?
Was hält Lehrer vom Einsatz von Ganzschriften im Deutschunterricht ab?
gesammelt.
Die Frage "Welche Gattungen für Kinder - und Jugendliteratur bevorzugt im Deutschunterricht gelesen werden?", ergab, dass am häufigsten realistische bzw. Problemliteratur (mit 82,7%) gelesen wird. An zweiter Stelle stehen Abenteuer - und Dedektivgeschichten (61 %) gefolgt von Tiergeschichten (mit 37,3 %). Weiterhin wurde in der Umfrage der Einsatz von phantastischer Literatur, Sachbüchern, Science-Fiction-Literatur und anderen Gattungen wie Märchen, Sagen, Satiren, Kurzgeschichten, historische Erzählungen und Bilderbücher angegeben.
Um herauszufinden, woran sich Lehrer(innen) bei der Literaturauswahl für ihren Unterricht orientieren, wurde den befragten Lehrkräften eine Liste mit Auswahlantworten vorgelegt. Das Ergebnis ergab in der Reihenfolge der am häufigsten genannten Orientierungshilfen:
1. Stelle: Buchhandlungen (65 %)
2. Stelle: Literaturauswahl- oder empfehlungslisten (50,3 %)
3. Stelle: Empfehlungen in Fachzeitschriften (47,2 %)
4. Stelle: preisgekrönte Werke (44,2 %)
5. Stelle: Verlagsprospekte (42,8 %)
6. Stelle: Buchrezensionen (32,2 %)
7. Stelle: Privatlektüren der Schüler (28,5 %)
8. Stelle: Bücher der eigenen Kinder (25,9 %)
9. Stelle: Bibliotheken (25,1 %)
10. Stelle: Autorenlesung in der Schule (7,5 %)
11. Stelle: außerschulischen Autorenlesungen (5.7 %)
Für die Arbeit mit Kinder- und Jugendliteratur gaben die befragten Lehrkräften, die Bücher bzw. Ganzschriften in ihrem Unterricht verwenden, folgende Gründe an:
Der Zugang zur Literatur im allgemeinen wird durch Kinder- und Jugendliteratur erleichtert.
Der Unterricht wird durch Ganzschriften aufgelockert.
Ganzschriften werden im Lehrplan empfohlen
Literarische Grundbegriffe lassen sich besonders anschaulich anhand von Texten der Kinder- und Jugendliteratur erklären
Durch die Lektüre von Kinder- und Jugendbüchern wird das Interesse am Lesen gefördert.
Kinder- und Jugendbücher regen an, eigene Probleme zu überdenken, und tragen zur Lösung von Konfliktsituationen im Zwischenmenschlichen Bereich bei.
Kinder- und Jugendbücher sind ein Gegengewicht zur Lektüre von Zeitschriften und Comics und können übermäßigen Fernseh - und Videokonsum verhindern.
Dies waren die häufigst genannten Gründe für den Einsatz von Ganzschriften im Deutschunterricht. Dazu kommt, dass vielen Schülern eine erste Begegnung mit einer Ganzschrift, erst in der Schule ermöglicht wird.
Zudem lassen sich mit dem Einsatz von Kinder - und Jugendbüchern, Bezüge zu anderen Fächern herstellen.
Im Hinblick auf das unterschiedliche Lesevermögen der Schüler bietet die Ganzschrift gute Differenzierungsmöglichkeiten.
Altersgemäße Kinder - und Jugendbücher erweitern das Textangebot der Lesebücher und steigern so die Lust am Lesen.
Durch die Verwendung von Ganzschriften im Unterricht werden die Schüler zum außerschulischen Lesen angeregt und positiv in der Auswahl der Privatlektüre beeinflusst.
Das knappe Angebot an lernmittelfreien Lesebüchern kann durch die Verwendung von Kinder- und Jugendbüchern kompensiert werden.
Ein Fünftel aller befragten Lehrkräfte gaben an keinen Gebrauch von Kinder - und Jugendbüchern zu machen. Gründe hierfür, soweit sie ermittelt werden konnten sind:
Der Lehrplan lässt zu wenig Zeit zum Lesen von Büchern; andere Bereiche sind wichtiger
Für den Einsatz von Ganzschriften, ist die Lesefertigkeit und die Motivation der Schüler zu gering.
In Lesebüchern enthaltene Ausschnitte aus Kinder - und Jugendbüchern sind ausreichend.
Es sind zu wenig methodische Lehr- und Lernmaterialien bekannt
Die Kosten für die Schule oder die Eltern in der Anschaffung von Ganzschriften sind zu hoch.
Kinder- und Jugendbücher bieten wenig geeignete Inhalte für die Behandlung im Unterricht.
Das Angebot in der Klassenbibliothek und in den öffentlichen Büchereien ist ausreichend.
Die Schüler haben Probleme beim Textverständnis.
Kinder- Jugendbücher sind für die Behandlung im Deutschunterricht zu umfangreich
Die Lektüre eines ganzen Buches ist im Lehrplan der Hauptschulstufe nicht zwingend vorgeschrieben.
Neben den 10 Hauptgründen, waren weitere Gründe, für den Nichtgebrauch von Ganzschriften:
Unsicherheit bzw. mangelnde Erfahrungen im Umgang mit Kinder- und Jugendliteratur.
Die Auffassung, dass eine Ganzschrift nicht den Interessen aller Schüler einer Klasse gerecht werden kann.
Manche der Befragten haben sich über das Thema bisher noch keine Gedanken gemacht und sind auch jetzt aus Zeitgründen nicht dazu in der Lage.
Einzelne Lehrkräfte fürchten die von ihnen vermuteten umfangreicheren Vorarbeiten, angefangen bei der Bestellung der Bücher bis hin zur Vorbereitung des Unterrichts.
Die hier ermittelten Daten bzw. Ergebnisse sind auf eine Stichprobe, die mit Hilfe von Fragebögen im Regierungsbezirk Unterfranken durchgeführt wurde, zurückzuführen. Die Fragebögen wurden an 1179 Lehrkräfte an Grund-, Haupt- und Sonderschule verschickt. Zu Beginn der Untersuchung wurden die Lehrkräfte befragt, ob sie Kinder- und Jugendliteratur in Form von "Ganzschriften" in ihrem Literaturunterricht einbeziehen. 81 % (709 Testpersonen) bejahten die Frage. 19 % (166) verneinten die Frage.
Bei der Frage der Häufigkeit der Lektüre von Kinder- und Jugendbücher gaben ca. 65 % (478) an, Lektüren regelmäßig einzubeziehen, ca. 25 % (166) gelegentlich, 8,5% (59) haben bisher nur einmal ein Kinder- oder Jugendbuch mit der Klasse gelesen. Die restlichen Befragten antworteten nicht auf die Frage.
Betrachtet man die Ergebnisse so könnte der Eindruck erweckt werden, dass Kinder- und Jugendbücher tatsächlich einen festen Platz im Deutschunterricht erlangt hat. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. Die Daten bzw. Ergebnisse relativieren sich auch sehr schnell, wenn man berücksichtigt, dass von den 1179 verschickten Fragebögen nur 873 überhaupt zurückgeschickt wurden. 706 Lehrkräfte gaben an, Kinder- und Jugendliteratur in ihrem Deutschunterricht mit einzubeziehen, aber nur ein wenig mehr als die Hälfte aller Befragten (54,4 % = 478 Testpersonen) tut dies regelmäßig.
Dadurch wird die Behauptung bzw. die Hypothese, dass Kinder- und Jugendbücher in der Unterrichtspraxis eine geringere Rolle spielen, als dies die Fachliteratur nahelegt und die Lehrpläne fordern, gestützt.
FUB/
WS 99/00 / S: 12415: "Zum Lesen verlocken - Umgang mit Kinderliteratur im verbundenen
Sprachunterricht"
©opyright Annika Burmester und Melanie Kamradt Berlin, Januar 2000
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06.04.2003