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Handout zum Referat
"Arbeitsmittel
im Deutschunterricht" (SS 99)
S: 12420, Dagmar Wilde
Referenten:
A. Bars
C. Herzog
N. Nasso
S. Reimann
Die große Bedeutung des Erstleseunterrichts, der in das Lesen als einen der wichtigsten Zugänge zur geistigen Bildung und zum kulturellen Leben überhaupt einführt, ist schon im Beginn der Schulentwicklung gesehen worden. Als älteste Methode der Erstleseunterrichts dürfte die Buchstabiermethode gelten, die dann von der Lautiermethode allmählich abgelöst wurde. Die zahlreichen Schwierigkeiten im Erstleseunterricht führten im Laufe der Jahrhunderte zu einer Fülle von (z.T. gegensätzlichen) Methoden und einzelnen Maßnahmen (Leselernmethoden).
Die
älteste Leselehrmethode nach Erfindung der Buchdruckerkunst und beeinflußt
durch ihre Technik. Man ging von den Buchstaben aus, ließ sie zuerst das
kleine und das große ABC auswendig lernen und dann die Buchstaben zu Silben,
die Silben zu Wörtern zusammenziehen, wobei der Lehrer zuerst das Ergebnis
vorsprach; z. B. Schüler: we-e-er, Lehrer: wer, Schüler: wer- eff-e-en,
Lehrer: fen, Schüler: fen, Lehrer: werfen, Schüler: werfen.
In dieser schwerfälligen und langweiligen Weise wurde die Fibel ein- oder
zweimal durchbuchstabiert und syllabiert.
Hauptfehler der Buchstabiermethode war das Aussprechen des Buchstabennamens
statt der entsprechenden Laute (Es-ce-ha-o-pee-eff = Schopf). Nach langem Streit
wurde die Buchstabiermethode in Preußen 1872 durch die Allgemeine Bestimmung
verboten.
Bei der Vielzahl von L. ist eine Gruppierung zweckmäßig, die davon ausgeht, ob zunächst die Laute und Buchstaben erfaßt und dann zu Silben und Wörtern zusammengesetzt werden, oder ob man von einem Wort aus die einzelnen Laute und Buchstaben gewinnt. Für die Methoden, die den ersten weg gehen, hat sich der Name synthetisch eingebürgert, den zweiten Weg bezeichnet man als analytisch oder analytisch-synthetisch - obwohl hier die Anwendung der Begriffe "Analytisch" und "Synthetisch" nicht korrekt ist. Bei den Analytischen Methoden ist weiter entscheidend, ob die Analyse sofort beginnt oder einem allmählichem Hineinwachsen der Kinder in die Laut- und Schriftgestalt entspringt: Im letzteren Fall spricht man von Ganzheitsmethoden.
Bei
den synthetischen Methoden unterscheidet man die seit etwa 100 Jahren verbotene
Buchstabiermethode, bei der zuerst das ABC auswendig gelernt wird und die
Buchstaben beim Syllabieren mit ihren Namen ausgesprochen werden, und die
Lautiermethode, zuerst von Ickelsamer entwickelt, aber erst im 19. Jh. Allgemein
verbreitet, die scharf zwischen dem Laut (dem Hörbaren), dem Lautzeichen
(der Buchstabenform, dem Sichtbaren), dem Buchstabennamen ("Vau") und der
Lautbezeichnung (Hauchlaut, Zischlaut) unterscheidet und nicht den Buchstabennamen,
sondern nur den Laut aussprechen läßt. Die Lautiermethode führte
zu einer reihe von Zusatz- und Hilfsmethoden. Da der Einzellaut ohne Inhalt
ist, kam man schon früh (Ickelsamer) zur Sinnlautmethode, bei der der
Einzellaut (o, a, au, m, usw.) als Empfindungslaut ("lnterjektionsmethode"
nach Göbelbecker), Naturlaut ( sss= Bienensummen) oder Geräuschlaut
( rrr-- Räderrollen) eingeführt wurde. Verstärkt wurde diese
Bemühung durch die Finderlesemethode, in älterer Form auch Phonomimische
Methode genannt (Grosselin 1866, Wiedemann 1869). Da das Zusammenziehen
der Laute Schwierigkeiten bereitete, entwickelte R. Lange die Vokalisationsmethode
("Leselust" 1908). Danach heißt es z. B. " brumm das a" (ma), "lalle
das e" (le), " summe das i" (si).
- Um die Form der Buchstaben einfacher zu machen, wurden sie schon Früh
(Ickelsamer, J. Buno 1650) aus Lebensformen abgeleitet: ein Aal krümmt
sich wie ein A, E ist ein Eselsohr, usw. Als man nach 1920 mit den einfachen
Formen der Atiqua begann, erhielten diese Versuche neuen Auftrieb ( F= Feger,
P=Puster usw.).
- Die begriffliche Methode (Olivier 1804, Krug 1818, B. Otto 1903, Spieser
1904) will dem Schüler zuerst die Funktion der Sprechwerkzeuge deutlich
machen, um so die Eigenart der Laute genau zu erfassen. So wird z. B. "
klein" in "Gaumenansatz, Zungenbrummer, Freudengetön, Zahnbrummer"
zerlegt. Mit Hilfe von Bildtafeln, die Querschnitte der Artikulationsstellen
mit eingezeichneten Atemstrom wiedergeben, wird die Artikulation noch deutlicher
gemacht.
- Hilfsmittel der synthetischen Methode sind Leseuhr, Leseschieber, Lesestreifen,
Lesewürfel, Setzkasten, Lesetrommel und Lotto- oder Domino ähnliche
Lesespiele.
Die
Ganzheitsmethoden beginnen mit einzelnen Wörtern (Ganzwortmethode)
oder kurzen Sätzen, die eine "Geschichte" enthalten (Ganzsatzmethode).
Die Wortbilder werden durch häufige Wiederholungen fest eingeprägt,
bis allmählich der analytische Prozeß beginnt: dias Herauslösen
des Gleichen (oft des Anfangsbuchstabens) und die Erkenntnis seiner Bedeutung.
Hat das Kind erst einmal das Geheimnis der Buchstabenschrift "entdeckt"
so folgt in schneller Folge die Herauslösung weiterer Buchstaben und
ihrer Bedeutung.
Dieser "Analyse" muß eine sorgfältig geplante und Geübte
"Synthese" folgen, daß erlesen neuer Wörter aus den bekannten
Elementen. Die Ganzheitsmethode, die sich auf Forschungsergebnisse der Gestalt-
und Ganzheitspsychologie berufen, und vor allem von J. Wittmann (1929) und
A. u. E. Kein (1930) praktikabel ausgearbeitet wurden, setzen sich allmählich
gegen die Synthetischen Methoden durch, sind aber heute wiederum umstritten.
Vorläufer der Ganzheitsmethode sind Krämer (1844), Wackernagel
(1856) und Mailsch( 1909). Eine reine Ganzwortmethode ist - bis auf einen
Vorkurs - die Methode Decroly, die in Westeuropa weit verbreitet ist.
In der Gegenwart besteht eine Tendenz, daß Lesenlemen vorzuverlegen
(Frühmessen). Dabei wird von W. Correll mit einer Leselernmaschine
gearbeitet, zu der 50 Programmrollen gehören, und die mit einer Spezialschreibmaschine
kombiniert werden kann. Auch H. R. Lückert ist nach den Vorschlägen
von G. Doman mit Lehrgängen zum Frühmessen hervorgetreten. Gegen
das Frühmessen wurde von E. M. Kranich, K. Brotbeck u.a. Stellung genommen.
Fibel (durch die Kindersprache aus" Bibel" entstellt). Die Fibel hat im Laufe der Jahrhunderte eine dreifache Wandlung erfahren:
Aus der Vorbereitung für die Glaubenslehre wurde ein Buch der nützlichen Kenntnisse und moralischen Belehrungen und schließlich ein Kinderbuch, das Umwelt und Sprache des Kindes und seine typischen Erlebnisse einfangen will.
Sie wurde aus einem reinen Arbeitsbuch, das vorwiegend Seiten für mechanische Übungen enthielt, zu einem Lesebuch mit ansprechenden Illustrationen, Grundlage und Vehikel eines kindgemäßen Gesamtunterrichts.
Sie änderte sich nach der jeweils vom Verfasser vertretenen Leselehrmethode. Der Reformpädagogik entstammt der Gedanke der "Eigenfibel": das Kind fertigt sich nach den in der Schule erarbeiteten texten Blatt für Blatt seine Fibel samt Bildern selbst an. Bei den Fibeln nach der Ganzheitsmethode findet man jetzt eine genaue Beachtung des Steilheitsgrades (Walter Müller), der durch eine genaue Berechnung neu hinzutretende Wortbilder und Schwierigkeiten ermittelt wird.
Leseausgangsschrift: Gemischtantiqua/Großantiqua
Direkte Hinführung zur Struktur der Buchstabenschrift
Wortanalyse und - synthese von Anfang an
Erfassen der Laut-Buchstaben-Beziehung auf verschiedenen Ebenen Gleichzeitig: Hören-Sprechen-Sehen-Fühlen-Hantieren-Schreiben
Möglichst enge Verflechtung von Schreiben und Lesen
Lauttreue Anfangswörter und einfache Silbenbauart am Anfang, z.B. Fo-to
Gleichzeitiges Erarbeiten von Groß- und Kleinbuchstaben bei Gemischtantiqua
Frühzeitiges Hörtraining der Klangvarianten von Lauten
Systematische Erarbeitung aller Phoneme und Grapheme (kein Schematismus)
Interpunktion gehört dazu!!!
Lesenswerte Texte: informativ, spannend, nachempfindbar, nacherlebbar, phantasieanregend
Berücksichtigung verschiedener Textsorten
Anregung zum Ergänzen und Weiterdenken
Kindgemäß, nicht kindertümelnd
Keine zu starke Abhängigkeit vom Jahreskreis
Klare, überschaubare Gliederung von Text und Bild
Illustration textangemessen: Unterstützung der Sinnerwartung, Anregung zum entdeckenden Lesen, keine Vorwegnahme des Inhalts, keine optische Überfrachtung
Optische Heraushebung des neu eingeführten Buchstabens auf der entsprechenden Seite
Abhebung von Texten (Textteil) und Übungen (Übungsteil)
Eindeutige Arbeitsanweisung
Fibellehrgänge
zielen auf ein Optimum für den Durchschnitt. Nötig ist aber ein Repertoire
verschiedener methodischer Ideen. (Brügelmann, 1992)
Fibeln nehmen auf die Leistungsstreuung in den Klassen keine Rücksicht.
Sie bieten v. a. Könnern zu wenig (Balhorn, 1991/92).
Die Fibel ist nicht individuell genug, sie geht nicht auf die Bedürfnisse einzelner Schüler ein, da die Differenzierungsmöglichkeit sich meist nur auf Zusatzaufgaben für schnellere Schüler beschränkt. Die Individualisierung soll nicht durch jeweils eigen angefertigtes Material seitens des Lehrers erfolgen, sondern dadurch, daß den Kindern ein unterschiedliches Herangehen an das Material ermöglicht wird. Die gemeinsame Aufgabe sollte hier lauten: " Freies schreiben zu einem bestimmten oder selbstgewählten Thema."
Die Fibeln bieten genug Differenzierungsmöglichkeiten!!! In der heutigen Zeit ist es nicht leistbar in den überfüllten Klassen Eigenmaterial für die Bedingungen jedes einzelnen Schülers zu erstellen.
Lehrgänge
sind Krücken, die den Blick auf konkrete Lernprozesse, auf individuelle
Lernwege und Schwierigkeiten verstellen. (Brügelmann, 1992).
Für lernschwache Schüler ist die Fibel eine zusätzliche Barriere
und hilft nicht die Lernschwäche abzubauen. Es gibt in keiner Fibel Aufgaben
für lernschwache Schüler.
Bei guten Leselehrgängen werden Problemstellen ausführlich kommentiert und adäquate Hilfsangebote vorgeschlagen. Es hängt von dem Lehrer ab, wie die Schüler gefördert werden.
Lehrgänge
setzen an einem riktiven Nullpunkt an und nicht bei den jeweiligen Voraussetzungen
des einzelnen Kindes. (Brügelmann, 1992, Balhorn, 1991/92).
Buchstaben und Wörter werden in einer festgelegten Reihenfolge geübt,
die nicht unbedingt mit dem Kenntnisstand und Interessen der Kinder übereinstimmen
muß. (Brügelmann,1992).
Fibeln lesen ist eine entfremdete Tätigkeit. Es hat nichts mit dem wirklichen
Leben der Kinder zu tun. Man muß es tun, da es einem auferlegt wird. Kinder
haben keine Wahl bei den Fibeltexten.
Durch gezieltes Fragen kann das Interesse der Schüler geweckt und ein gewünschtes Konzept erstellt werden.
Fibellesen
ist eine entfremdete Tätigkeit. Es hat nichts mit dem wirklichen Leben
der Kinder zu tun. Man muß es tun, da es einem auferlegt wird. (Spitta,
1988) Kinder haben keine Wahl bei den Fibeltexten. (Balhorn, 1991)
Die vielen Alternativen gleichen sich letztlich doch und passen eigentlich nie
zu den
Schülern.
Mit der Konfrontation mit Themen, die nicht aus dem Erfahrungsbereich des Kindes stammen, kommt es zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema, das Kind wird zum nachdenken angeregt.
Da Fibeln nicht an die Vorkenntnisse der Kinder anschließen, wird durch das Üben und Lernen von Buchstaben und Wörtern nicht eine Strategie des Erlesens, sondern des Wiedererkennens nahegelegt.(Balhorn, 1991/92).
Man kann dies nicht überprüfen, da man nicht die Vorerfahrung des Kindes innerhalb der Familie kennt. D. h. man weiß nicht, ob das Kind aus einer belesenen Familie kommt, ob es ältere, bereits Schulpflichtige Geschwister hat, ob es sichfür Bücher allgemein interessiert.
Der Buchstabenaufbau der Fibel erscheint oft beliebig. (Balhom, 1991/92).
Bei dem Gespräch mit der Redakteurin des Verlags" Volk & Wissen " stellte sich heraus, daß man bemüht ist offenen Silben an den Anfang der Fibeln zu setzen (la, li, ma, mo) und später die Buchstaben t, e, p usw. einzusetzen, damit man kleine Wörter und Sätze bilden kann.
J. Baer: Der Leselemprozeß bei Kindern. Beltz-Basel, 1975.
B. Bosch: Grundlagen des Erstleseunterrichts. A. Henn Verlag, Ratingen, 1965,
R. Gümbel: Schule des Lesens 1. Stufe. Klett Verlag, Stuttgart, 1969
W. Menzel: Differenzierung im Erstleseunterricht. Cornelsen Verlag, Frankfurt am Main, 1995
K. Odenbach: Lexikon der Schulpädagogik, Begriffe von A-Z, Westermann Verlag, Braunschweig 1974
E. Schwartz: Fibeln und Erstlesewerke. Arbeitskreis Grundschule e.V., Frankfurt am Main, 1976
Tabelle aus dem Reader
©opyright A. Bars, C. Herzog, N. Nasso, S. Reimann, Berlin, Januar 2000
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06.04.2003