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schriftliche Ausarbeitung von Otto Fenner
zu den Fachseminarveranstaltungen
am 22.03.00 ("Wir lesen ein Buch... Kinderbücher im verbundenen Sprachunterricht
- Schritte der Unterrichtsplanung), 05.04. und 12.04.00 ("Die kleine Hexe..."
- Texte szenisch und musikalisch umsetzen)
Textanalyse
zum Kinderbuch
"Die kleine Hexe"
von Otfried Preußler
Inhalt
Aufbau
und Form
Deutung
Textgattung
Schreibanlässe
..So
will ich es immer halten! Ich helfe den guten Menschen, indem ich ganz
einfach den schlechten Böses zufüge. Das gefällt mir!"
Abraxas entgegnete: Muss dass sein? Du könntest doch Gutes auch anders
tun. Ohne Schabernack, meine ich." "Ach, das ist langweilig!" sagte sie.
"Woher weißt du das?" fragte Abraxas. (Die kleine Hexe, S. 40)
Inhalt
Die
kleine Hexe wohnt in einem Hexenhaus im Wald. Sie ist mit ihren 127 Jahren
noch eine junge Hexe im Vergleich zu den Oberhexen, die jedes Jahr ihr
großes Fest, die Walpurgisnacht, zusammen feiern. Für die kleine
Hexe ist es verboten, an diesem Ereignis teilzunehmen, weil sie noch zu
jung ist. Eine Ausnahme ist nur möglich für "gute" Hexen. Dies
erfährt die kleine Hexe von der Oberhexe bei einem unerlaubten Besuch
des Festes, in das sie sich heimlich eingeschlichen hat. Sie kann durch
ihr Verhalten beweisen, dass sie eine "gute" Hexe ist. Dann darf sie im
nächsten Jahr in der Walpurgisnacht auf dem Blocksberg beim Hexenfest
dabei sein. Mit dieser Aussicht wird sie von den anderen Hexen verabschiedet.
Von
da an geht das ganze Bemühen der kleine Hexe dahin, das Hexen zu
erlernen und eine gute Hexe zu werden. Dies hat ihr die Oberhexe aufgegeben,
und daran erinnert sie ihr ständiger Begleiter, der Rabe Abraxas,
der mit ihr das Hexenhaus und ihr ganzes tägliches Leben teilt. Der
kluge Rabe meint, dass sie "der Oberhexe versprochen (hat), eine gute
(Kursiv im Originaltext) Hexe zu werden. Und gute Hexen dürfen nichts
Böses anrichten" (Seite 20). Ihre Rachepläne an der Wetterhexe
Rumpumpel verfolgt sie deshalb auch nicht weiter. Für sie steht fest:
"Ich muss eine gute Hexe werden." (S. 29).
In
den folgenden Kapiteln gelingt es ihr, viel Gutes zu tun. Sie hilft drei
alten Frauen beim "Holzklauben", unterstützt ein armes Mädchen
beim Verkauf von Papierblumen, rettet ein Pferd vor seinem schlagenden
Besitzer und einen Ochsen vor der Schlachtbank, hext einem Maroniverkäufer
seine Erkältung weg und lässt einen Schneemann sieben freche
Jungen verprügeln. Sie beglückt ein Kinderfastnachtsfest mit
Krapfen und Pfannkuchen, veranstaltet für alle Tiere des Waldes ein
solches Fest, bringt einen Kegelbruder und Trinker zu seiner Familie zurück
und hext zwei Eierdiebe, die Vogelnester ausheben wollen, an dem Baum
fest, so dass sie von den Vogeleltern wehrlos attackiert werden können.
Nachdem
sie so viel Gutes getan hat, tritt sie voller Stolz und Hoffnung vor den
Hexenrat. Doch dort findet sie keine Anerkennung. Ihr Verhalten wird scharf
missbilligt, denn in der Logik der anderen Hexen ist eine gute Hexe diejenige,
die allzeit Böses hext. Die Oberhexe spricht als Strafe aus, dass
die kleine Hexe allein auf dem Blocksberg das gesamte Holz für das
Hexenfeuer zusammentragen muss. Wenn sie diese Aufgabe erledigt habe,
werde sie in der Nähe des Feuers an einen Baum gebunden und müsse
den anderen Hexen beim Tanzen zuschauen. Sie selbst dürfe nicht mittun.
Nun rächt sich die kleine Hexe. Sie hext alle Hexenbesen zusammen
und den Hexen das Hexen ab. Jetzt ist sie die einzige Hexe auf der Welt
und feiert ihre Walpurgisnacht auf dem Blocksberg. Nur ihr Freund Abraxas
ist dabei. Sie tanzt ausgelassen bis zum frühen Morgen um das Hexenfeuer.
Aufbau
und Form
Analysiert
man/frau den Aufbau des gesamten Textes, so fällt zunächst die
klare Gliederung auf. Zunächst wird die Hauptperson, die kleine Hexe,
vorgestellt. Dann folgt die Schilderung der Erlebnisse und Taten der kleinen
Hexe innerhalb eines Jahres von einer Walpurgisnacht bis zur nächsten.
Schließlich erfahren wir von den Ereignissen kurz vor und in der
nächsten Walpurgisnacht, in der die kleine Hexe sich an den Oberhexen
rächt und schließlich als glückliche Hexe das Fest für
sich allein feiert.
Dem
Text liegt eine einfache Erzählstruktur zu Grunde: Einleitung, Hauptteil
und Schluss. Gleich im ersten Kapitel wird der zentrale Konflikt der handeInden
Person aufgedeckt. Die kleine Hexe ist wütend auf die anderen Hexen,
die ihr die Teilnahme am Fest der Walpurgisnacht verboten haben: sie sei
noch zu klein oder zu jung für dies große Hexenfest. Die Oberhexe
stellt ihr jedoch eine Teilnahme in Aussicht, wenn sie eine "gute" Hexe
wird. Durch ihr Handeln in vielen verschiedenen Situationen gelingt es
der Hexe aus eigener Kraft, eine gute Hexe zu werden. Als sie sich nach
so vielen Mühen und Anstrengungen am Ziel ihrer Wünsche sieht,
wird sie noch einmal auf die Probe gestellt. Erst jetzt kann sie durch
ihren mutigen Schritt das Ganze zum Positiven wenden.
Der
Text ist insgesamt überschaubar gestaltet. Die Handlung ist leicht
zu überblicken. Die einzelnen Kapitel des Buches sind kurz gehalten
und jeweils in sich abgeschlossen (ca. 2 bis höchstens 5 Seiten).
Der
Text wird durch schwarz-weiße Federzeichnungen illustriert, die
in einem magischen Realismus gehalten sind und den Inhalt treffend spiegeln.
Die
gesamte Wortwahl ist einfach gehalten. Allerdings ist nicht zu verkennen,
dass der Text aus den 50er Jahren stammt. Eine Reihe von Wörtern
wirkt antiquiert und ist aus dem heutigen Sprachgebrauch ganz verschwunden.
Auch die einfachen ländlichen Lebensverhältnisse entsprechen
nicht mehr der heutigen Erfahrungswelt von SchülerInnen. Auffallend
ist auch der Gebrauch von Wörtern, die dem süddeutschen Sprachraum
zugehören. Hierzu werden möglicherweise Verstehenshilfen anzubieten
sein.
Die
verwendeten Sätze sind kurz und leicht verständlich. Es gibt
viele Passagen wörtlicher Rede, die die Darstellung lebendig machen.
Die Schrift ist groß genug, um Lesebereitschaft zu erhalten.
Deutung
Der
Weg der kleinen Hexe ist durch den Ratschlag des "weisen" Raben vorgegeben.
Sie muss eine "gute" Hexe werden. Dieses Ziel verfolgt sie von nun an
unbeirrt. Waren ihre Unternehmungen bisher davon geprägt, Spaß
und Schabernack zu haben und zu tun, so handelt sie jetzt "gut". Der "weise"
Rabe Abraxas hat ihr diesen Rat gegeben. Er versteht unter "gut" das moralisch
"Gute". Die kleine Hexe verwirklicht dies, indem sie Gutes tut, so wie
es allgemein verstanden wird: sie hilft Menschen, die materiell in Not
oder krank sind (drei alten Weibern, dem Maronimann, der Frau des Kegelbruders),
sie hilft Kindern ( dem Papierblumenmädchen, den beiden Ochsenwirtkindern
und den Kindern um den Schneemann) und sie hilft Tieren (den zwei Bierkutschenpferden,
dem Ochsen Korbinian und dem Raben Kräx). Außerdem erfreut
sie die Kinder bei einem Fastnachtsfest durch Herbeihexen von Pfannkuchen
und veranstaltet selbst ein Fest für die Tiere des Waldes. Aus dieser
Sicht und den damit zum Ausdruck gebrachten Wertmaßstäben ist
es zwar logisch, aber nicht nachvollziehbar, dass für"richtige" Hexen
andere Maßstäbe gelten. Diese sind dadurch "gute" Hexen, dass
sie "Böses~' tun. Diese Argumentation folgt dem Bild der Hexe als
eine mit dunklen Mächten (dem Satan) im Bunde stehende Frau, die
den Menschen Krankheiten und Elend bringt. Dem entgegen steht das Bild
der Hexe als "weise Frau" oder "Waldfrau", das seinen Ursprung in osteuropäischen
oder indischen Darstellungen der großen Göttin hat und erst
im späten Mittelalter eine völlige Umdeutung vor allem durch
das Christentum erfuhr. Danach verfügt die Hexe über okkultes
Wissen und magische Kräfte, die sie nicht auf natürliche Weise
erlangen kann. Die Folgen sind bekannt: eine nach heutigen Maßstäben
unvorstellbare Verfolgung und Ermordung "auffälliger" Frauen in der
Zeit von 1550 bis 1650.
Zur
Relevanz von Hexengeschichten oder -märchen für die kindliche
Entwicklung gerade im Grundschulalter ist viel gesagt worden (dazu Zitzlperger,
S. 9ff). Auf das Märchen von "Hänsel und Gretel" bezogen hat
B. Bettelheim folgende Aussage gemacht: "Solange Kinder an Hexen glauben
- wie sie es immer getan haben und immer tun werden, bis sie so alt geworden
sind, dass sie sich nicht mehr gezwungen sehen, ihren gestaltlosen Ängsten
eine menschliche Gestalt zu geben -, sollte man ihnen Geschichten erzählen,
in denen gescheite Kinder es fertig bringen, sich von solchen Verfolger-Figuren
ihrer Fantasie zu befreien. Wenn ihnen das gelingt, haben sie davon -
genau wie Hänsel und Gretel - einen ungeheuren Gewinn." (Bettelheim,
s. 191). Diese Aussage kann auch auf "Die kleine Hexe" bezogen werden.
In ihr sind diese Urkonflikte angelegt, die in der kindlichen Psyche wirken.
Gerade die Wendung von der "gemeinen" Hexe zur "guten" Hexe durch ihre
verwandelnden Taten macht sie zur interessanten Person, mit der sich Kinder
identifizieren können und anderen Handeln sie lernen können.
Es wird hier eine Hexe gezeigt, die nicht getötet werden muss und
kann (wie bei Hänsel und Gretel), sondern die eine liebenswerte und
lustige Figur ist, mit der sich Kinder leicht identifizieren können.
Ihr Verhalten steht für Spaß und Witz.
Textgattung
Der
Autor hat sein auch international sehr erfolgreiches Buch im Jahre 1957
geschrieben mit der erklärten Absicht, Kindern zu helfen, die Angst
vor Hexen haben.
"Die kleine Hexe" ist zunächst eindeutig als Phantasiegeschichte
zu indentifizieren (vgl. Mattenklott, S. 40). Doch eine genaue Textanalyse
zeigt sehr schnell, dass Otfried Preußler seine Geschichte in der
Tradition der Märchen verfasst hat. Dies lässt sich an grundlegenden
Eigenheiten des Märchens feststellen (die Kriterien finden sich bei
Max Lüthi, S. 25-32, vgl. auch Hetmann, S. 15-17):
-
Eindimensionalität,
d.h. wirkliche und unwirkliche Welt gehen nahtlos ineinander über,
-
Flächenhaftigkeit,
den Figuren fehlt es an Innenwelt,
abstrakter Stil, d.h. es treten nicht Individuen auf, sondern Vertreter
eines Typs,
-
Isolation
und Allverbundenheit in dem Sinne, dass die Heldin des Märchens
irgendwelche besonderen Fähigkeiten besitzt, ohne dass eine besondere
Begründung dafür erfolgt,
-
Sublimation
und Welthaltigkeit als Übergang von unheimlich-magischen und
profanen Elementen.
Zwar
treffen nicht alle dieser Merkmale auf "Die kleine Hexe" zu, so dass es
sich keinesfalls um ein Märchen im originalen Sinne handelt. Die
märchenhaften Elemente sind jedoch sehr deutlich herausgearbeitet
und überwiegen.
Die
kleine Hexe bietet Schreibanlässe
1.
Hexensprüche erfinden - Zauberwörter sammeln (Hokuspokus, Simsalabim,
Abrakadabra ... - Zaubersprüche erfinden aus
a) Zauberwörtern,
b) Zielen und Wünschen,
c) Reimen.
2.
Hexenabzählreime erfinden
3.
Ein Hexen-ABC anlegen:
Akeleisaft - Besenreißer - Chamäleonzungen
4.
Hexenrezepte aufschreiben:
Krötenschleimsuppe mit Hahnenfußspitzen, Schraubentee und Nadelsalat
usw.
5.
Hexenlieder erfinden (mit neuen Wörter auf alte Lieder)
6.
Eine Klassenzeitung oder Schulzeitung mit Hexennachrichten herausgeben
("Wieder Hexe über Waldgebiet abgestürzt" oder ..Sensation in
der Walpurgisnacht")
7.
Steckbriefe verfassen:
GESUCHT WIRD: Olga M. Grosche, genannt DIE KLEINE HEXE,
AUS SEHEN: klein etc.
KLEIDUNG /
BEGLEITER / WOHNUNG / FORTBEWEGUNG / WALPURGISNACHT
8.
Hexen-Geheimschrift ausdenken
(PTrsilln und SupPnkraut, FLDRmaus und NTnDRck) u.a.
9.
Passende Sprichwörter sammeln:
Übung macht den Meister. Ohne Fleiß keinen Preis. Durch Schaden
wird man klug. Neue Besen kehren gut. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.
Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Ein Unglück
kommt selten allein. Aller Anfang ist schwer. Aller guten Dinge sind drei.
Lehrjahre - Schwerjahre. Grobe Säcke muss man nicht mit Seide nähen.
Verzeihen ist die beste Rache.
10.
Ein Hexenzauberbuch anlegen
(von jeder Schülerln eine Seite gestaltet) mit eigenen Zauberkunststücken,
die funktionieren.
11.
Schreibkonferenzen zum Buch:
- Ein Gespräch zwischen der kleinen Hexe und Abraxas als Erzählung
oder - Nacherzählungen oder Zusammenfassungen von Kapiteln schreiben
(Klasse in Gruppen unterteilen und die verschiedenen Gruppen sich gegenseitig
informieren lassen, so dass nicht alle das ganze Buch lesen müssen).
Eine Geschichte schreiben:
Wie die kleine Hexe jemand hilft, die/der in Not ist.
Was wäre, wenn die kleine Hexe nicht gut wäre? (????)
Wie ich als Rumpumpel das Treiben der kleinen Hexe beobachte.
Korbinian erzählt seine Geschichte.
Erlebnisse mit der kleinen Hexe (versch. Figuren des Buches)
Die kleine Hexe im Berliner Olympiastadion bei Hertha BSC, in der
Basketballhalle beiALBA, in der Eishalle bei den Capitals
Was wünsche ich von der kleinen Hexe, wenn sie etwas in meinem
Wohnbezirk verändern könnte ?
12.
Hexennamen erfinden:
Berghexe, Waldhexe, Sumpfhexe etc. sind schon da (Seite 9). Es lassen
sich noch viele Hexen finden.
Die Hexen können außerdem noch richtig Hexennamen erhalten.
Literatur
Bauer,
Wolfgang/ Dümotz, Inntraud/ Golowin, Sergius, Lexikon der Symbole,
5. Auflage Wiesbaden 1984
Bettelheim, Bruno, Kinder brauchen Märchen, 20. Auflage München
1997
Gessner-Dullin, Christine, pie kleine Hexe". Zum Lesen und Schreiben,
in: Grundschule, 20 (1988), Heft 2, S. 28-30
Hetmann, Frederik, Traumgesicht und Zauberspur, Märchenforschung,
Märchenkunde, Märchendiskussion, Frankfurt 1988
Lüthi, Max, Märchen, 8. Auflage Stuttgart 1990
Mattenklott, Gundel, Zauberkreide, Stuttgart 1989
Preußler, Otfiied, Die kleine Hexe, Stuttgart 1957
Schödel, Siegfried (Hrsg.), Märchenanalysen, Stuttgart 1977
Zeidler, Monika, Hexenbücher im Unterricht - "Die kleine Hexe" und"Zwei
wilde kleine Hexen", in: Bücher zum Leben erwecken (Hexenbücher
im Unterricht), Dezember 1995 (zu finden im BIL)
Zitzlsperger, Kinder spielen Märchen, Weinheim und Basel 1994
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