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Zum
Umgang mit Unterrichtsstörungen
Konflikte im Unterricht nehmen zu und belasten alle am Unterrichtsprozeß
Beteiligten gleichermaßen.
Unterrichtsstörungen beeinflussen stets die Lernsituation der Gruppe,
die Lehr-Lern-Atmosphäre, den geplanten Verlauf eines Lehr-Lern-Prozesses.
Sie beeinträchtigen das Lernen und Arbeiten einzelner wie aller Kinder
mit der Lehrerin/dem Lehrer, sie beeinträchtigen den Zugang den einzelne/alle
Kinder zur Sache, zum Lernen gewinnen.
Achtung:
Gerade auch das sogenannte "stille" Kind, das überangepaßte
Kind
- das nicht stört, nicht an Konflikten beteiligt ist und kaum auffällt
-
braucht von Fall zu Fall dringend Hilfe!
1.
Welche Formen von Unterrichtsstörungen nehmen wir wahr?
Störungen
können von einzelnen Kindern/von der Gruppe ausgehen.
Störungen
können sich gegen einzelne Kinder/die Gruppe/Erwachsene richten.
Störungen
können auf Grund subjektiver Wahrnehmung wahrgenommen/nicht wahrgenommen
werden.
-
Nebengespräche,
Nebentätigkeiten
-
verbale
Kommentare zum Lerngeschehen (spotten, motzen, schimpfen) (spielerische)
Aggressionen gegenüber Mitschülerinnen und Mitschülern
(raufen, toben, schlagen)
-
Antriebsarmut,
Verzögern des Arbeitsbeginns, Arbeiten nicht Beenden
-
hypermotorisches
Verhalten am Sitzplatz
-
Herumlaufen
im Raum
-
Provokationen
gegenüber Mitschülerinnen und Mitschülern / Lehrerinnen
und Lehrern
-
Ignorieren
der Regeln (Zuspätkommen, Weglaufen)
-
Arbeitsverweigerung
(beleidigt sein, stille Verweigerung, maulen, motzen, lautstarke Verweigerung)
-
vordrängende
Gesprächsbeiträge
-
Clownerien
-
destruktives
Verhalten gegenüber Gegenständen
2.
Welche möglichen Ursachen für Unterrichtsstörungen gibt
es?
-
Störungen
können eine Reaktion auf die Lernangebote (Inhalte/Verfahren)
sein.
-
Störungen
können eine Reaktion auf das Unterrichtsgeschehen sein.
-
Störungen
können eine Reaktion auf das Verhalten der Lehrerin/des Lehrers
sein.
-
Störungen
können Ausdruck von Lebens- und Beziehungsproblemen des Kindes
sein.
2.1.
Im Bereich der Unterrichtsorganisation und -gestaltung
2.1.1.
Planung
-
Über-/Unterforderung
durch Lehr-Lern-Inhalte (fehlende Passung hinsichtlich der Lernvoraussetzungen,
Lernmotivation, sachstrukturellen Entfaltungslogik des Lerngegenstandes,
sachlogischem Aufbau einzelner Unterrichtsschritte)
-
methodische
Fehleinschätzungen (Motivierung, Lerntempo, Stringenz des Ablaufs
einzelner Lehr-Lern-Folgen, Pausen/Zäsuren, Anschauung-Handeln-Abstraktion)
-
Medienauswahl,
-gestaltung, -organisation
2.1.2.
Realisation
-
Steuerungsverhalten
der Lehrerin / des Lehrers (Arbeitsanweisungen, Akzentuierung einzelner
Phasen, Spannungsbogen, Zielklarheit, Motivierung, Einbeziehung/Wahrnehmung
aller Schüler/innen)
-
Fehleinschätzungen
in der Reaktion auf Schüler/innenverhalten
-
Fehlende
Einbeziehung der Schüler/innen in Entscheidungsprozesse
-
geringe
Sachkompetenz der Lehrerin / des Lehrers
-
fehlende
Einbettung der Lerngegenstände und -verfahren in den Erfahrungshorizont
der Schüler/innen
-
fehlende
Lernhilfen
-
fehlende
Individualisierungs-/Differenzierungsmaßnahmen
-
Vernachlässigung
der sozialen und emotionalen Dimension des Lehr-Lern-Prozesses
2.2.
Im Bereich der pädagogischen Haltung der Lehrerin / des Lehrers
-
Rollenverständnis
(Erziehung / Wissensvermittlung)
-
Erziehungsziele
-
fachliche,
didaktisch-methodische, pädagogisch-psychologische Kompetenz
-
Ausmaß
an Selbstsicherheit, Selbstbewußtsein
-
persönliche
Situation, psychische/physische Belastbarkeit
-
Ausmaß
an Engagement ("Charisma")
-
Ausmaß
an Konsequenz, Geduld
-
Ausmaß
an Einfühlungsvermögen, Offenheit, Echtheit, Wertschätzung
-
Ausmaß
an vorurteilsfreiem Denken, Fühlen und Handeln
-
Bild
vom Kind / Bild von Schülerinnen bzw. Schülern
-
Ausmaß
an Fähigkeit, Distanz zu wahren bzw. Nähe zu zeigen
2.3.
Im Bereich des einzelnen Kindes
-
aktuelle
Befindlichkeit
-
aktuelle/generelle
familiäre Situation
-
aktueller/genereller
gesundheitlicher Zustand
-
aktuelle/generelle
Rolle in der Lerngruppe
-
Selbstbewußtsein,
Umgang mit Mißerfolgen, Frustrationstoleranz
-
aktuelle/generelle
Interessenlage
-
aktuelle/generelle
Leistungsfähigkeit
-
aktuelle/generelle
Konzentrationsfähigkeit
-
individuelle
Einschränkungen (physisch / psychisch)
-
Diskrepanz
der Erziehungsziele in Elternhaus und Schule
2.4.
Im Bereich der Lerngruppe
-
gruppendynamische
Prozesse
-
entwicklungspsychologische
Bedingungen (Altersstufe)
-
Beziehungsprobleme
in der Gruppe ("Cliquen")
-
Rollenzuweisungen
-
Leistungsgefüge
2.5.
Im Bereich der Schule
-
Eckstunden
-
Lärmbelästigung
durch die Umgebung
-
Klassenraumgestaltung
-
häufiger
Lehrerwechsel, große Zahl von Bezugspersonen
-
Pausenorganisation
und -gestaltung
3.
Wie können wir Unterrichtsstörungen minimieren?
3.1.
Im Bereich der Unterrichtsplanung und -realisation ("Unterrichtshygiene")
-
Aufgreifen
der Motivations- und Interessenlage der Schülerinnen und Schüler
-
Einbeziehen
des Erfahrungshintergrundes der Kinder
-
Ziele
und Wege des Lehr-Lern-Prozesses offenlegen und begründen (Transparenz)
-
Didaktische
Rhythmisierung des Lehr-Lern-Prozesses
-
Didaktische
Rhythmisierung des Unterrichtstages (Berücksichtigung der Tagesleistungskurve)
-
motorische
Entlastung / Pausen und Entspannung ermöglichen
-
Variation
und Passung ausgewählter Unterrichtsformen
-
Einbeziehung
differenzierender und individualisierender Lernangebote
-
jedes
Kind fördern und fordern
-
Vertrauen
in die Selbstverantwortlichkeit jedes Kindes für sein Lernen
setzen (ohne zu über-/unterfordern)
-
Variation
und Passung ausgewählter Unterrichtsprinzipien (Selbsttätigkeit,
Anschaulichkeit, Wiederholung, Übung, Festigung, Sozialformwechsel)
-
Gestaltung
der Lernumgebung und der Gruppierungsform
-
durchdachte
Organisation von Medien und Arbeitsmitteln
-
Umgang
mit Konflikten und Konfliktlösungsstrategien thematisieren und
üben
-
Umstrukturieren
mißlicher Situationen (Abweichen von der Planung)
-
Einbeziehen
von Konzentrationsübungen und Spielen (Stilleübungen, Phantasiereisen)
3.2.
Im Bereich des Verhaltens der Lehrerin / des Lehrers ("Psychohygiene")
-
eigenes
Verhalten hinterfragen, überprüfen ("Wo liegen meine Anteile
am Konflikt?")
-
Überprüfen
der individuellen Konfliktstrategien
-
Überprüfen
der eigenen Wahrnehmung (Sympathien, Vorurteile, Empfindlichkeiten)
-
Abgrenzen:
Störungen nicht als persönlichen Angriff - sondern als Problem
des Kindes - bewerten
-
Dominanz,
Redeanteil im Unterricht überprüfen und ggf. dominierende
Rolle relativieren
-
neben
dem Handeln und Tun das eigene Sprachverhalten überprüfen
(Ausdruck von Wertschätzung/Geringschätzung)
-
Formen
der Verstärkung überprüfen (Lob, Bestätigung,
Ermahnung)
-
Formen
der Reaktion auf Störungen überprüfen (Ignorieren,
Reagieren)
-
Konsequenzen
aufzeigen und durchhalten
-
eigenes
Verhalten in seiner Modellfunktion wahrnehmen, überprüfen,
einsetzen
-
pädagogischer
Takt: Annahme und Verständnisbereitschaft auch Kindern mit schwierigem
Verhalten signalisieren
3.3.
Im pädagogischen Bereich
-
Einzelgespräche
/ Gespräche in der Gruppe führen (Stuhlkreisgespräche)
-
Erziehungsmaßnahmen
prüfen (Gewinner - Verlierer)
-
konstruktive
Konfliktlösungsstrategien anwenden (Mediation)
-
störendes
Verhalten umdeuten
-
Regeln
und Verabredungen treffen, begründen, hinterfragen
-
Gespräche
mit Kolleginnen und Kollegen führen (Information, Erfahrungsaustausch,
Abstimmung des Verhaltens)
-
Elterngespräche
führen
-
Hilfe
von außen suchen (Schulpsychologischer Dienst, Familienfürsorge,
Sozialamt)
Literaturhinweise
zum Thema
Becker,
G.: Durchführung von Unterricht. Handlungsorientierte Didaktik Teil
II. Weinheim und Basel 1990 (Beltz).
Betz
/ Breuninger: Teufelskreis Lernstörungen. Theoretische Grundlegung
und Standardprogramm. Weinheim 19872 (Psychologie Verlags Union).
Grabbe,
B.: Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern. Teil 1 - 14. Aufsatzserie
in: Grundschule 1989 - 1992.
Meyer,
H.: Unterrichtsmethoden II. Praxisband. Frankfurt/M. 1987 (Scriptor) (S.
66-74 / S. 226 - 235).
Miller,
R.: Lehrer lernen. Ein pädagogisches Arbeitsbuch für Lehreranwärter,
Referendare, Lehrer und Lehrergruppen. Weinheim und Basel 1986 (Beltz)
(S. 89 - 187).
Molnar
/ Lindquist: Verhaltensprobleme in der Schule. Lösungsstrategien
für die Praxis. Dortmund 19912 (borgmann).
Ortner,
A. u. R.: Verhaltens- und Lernschwierigkeiten. Handbuch für die Grundschulpraxis.
Weinheim und Basel 1991 (Beltz).
Ortner,
R.: Wie kann man da noch unterrichten? Verhaltens- und Lernschwierigkeiten
als pädagogische Herausforderung. In: Haarmann, D. (Hg.): Handbuch
Grundschule. Bd. 1. Weinheim und Basel 1991 (Beltz) (S. 129 - 139).
Winkel,
R.: Der gestörte Unterricht. Bochum 19935 (Kamp).
Ich
bedanke mich bei meiner Kollegin Ulrike Fütterer-Schumann, deren
Arbeitspapier zu diesem Thema mir wertvolle Anregungen für diese
Zusammenstellung lieferte.
Dagmar
Wilde IX, 2. SPS (L) Seminarpapier FS VU 9/94
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