Zur Qualifikation der Lehrerausbildung im Lernbereich Deutsch

Christa Röber-Siekmeyer: Phonetisch-phonologisches Wissen als professionelle Voraussetzung der
Lehre im Anfangsunterricht.
In: Klotz, Peter / Peyer, Ann (Hg.): Wege und Irrwege sprachlich-grammatischer Sozialisation. Bestandsaufnahme - Reflexionen - Impulse. Baltmannsweiler 1999 (Schneider).

"...Wenn Fehler "Fenster in den Kopf des Kindes" (BALHORN) sein können und sollen, müssen die Gucker auch wissen, was durch diese Fenster zu sehen ist. Mit anderen Worten: Sie müssen genaue Kenntnisse von dem haben, was sich in den Köpfen der Kinder abspielt, wenn die Kinder phonetische Analysen vornehmen. Für die Beobachtung der ersten Anfänge der kindlichen Auseinandersetzung mit Schrift sind solche Kenntnisse, wie sie Phonetik und Phonologie zur Verfügung stellen, unverzichtbar. GrundschullehrerInnen brauchen daher - so die hier vertretene These - ein fundiertes phonetisches/phonologisches Wissen, um Kinder in sachlich adäquater und pädagogisch wünschenswerter Form begleiten zu können. Die zentrale Forderung der Didaktik der vergangenen 10 - 15 Jahre nach einer stärkeren Kindorientierung ist ohne fundiertes Wissen über die Sache, die gesprochene und die geschriebene Sprache und ihr Verhältnis zueinander, nicht durchführbar. Wer die Kinder ins Zentrum seiner Planung stellen will, wer also in diesem Sinne "offen" unterrichten will, muß sehr viel über den anzueignenden Gegenstand und über die Formen der Aneignung wissen. " (S. 109)

"Ein Curriculum für eine qualifizierte phonetische/phonologische Ausbildung von GrundschullehrerInnen muß folgenden Themen nachgehen:

  • das Verhältnis von Schrift - Standardsprache - Umgangssprache/Dialekt

  • Text - Silbe - Wort: die Prosodik des Deutschen

  • Silben - Laute: phonetischer/phonologischer Aufbau der unterschiedlichen Silben, Koartikulation, Konsonantismus, Vokalismus

  • die Zeichen der Schrift für die phonetischen Gegebenheiten der Silben und Wörter im Deutschen

  • phonetische/phonologische Sprachvergleiche zwischen dem Deutschen und den Herkunftssprachen der Familie der Kinder." (S. 120f.)

"Nahezu aller Unterricht, vor allem der Grundschulunterricht, war in den vergangenen, 10 - 15 Jahren gekennzeichnet durch eine pädagogische Reformbewegung, die kindliche Lernprozesse stärker als zuvor in den Mittelpunkt der didaktischen Prozesse rücken will. Soweit das damit verbundene Bemühen um Individualisierung überhaupt mit Formen des institutionalisierten Lernens zu verbinden ist, ist es nicht nur uneingeschränkt zu begrüßen, sondern für effektives Lernen häufig sogar die notwendige Voraussetzung. Die Zentrierung der Planungsprozesse auf die Aktivitäten der Kinder hat im sprachlichen Anfangsunterricht zu einem didaktischen Konzept geführt, in dem die Kinder nicht mehr lediglich Vorgeschriebenes reproduzieren, sondern schon früh angehalten werden, mit Schrift zu experimentieren und dabei ihr jeweils erworbenes Wissen über gesprochene Sprache und über die Schrift für eigene Schreibungen zu nutzen. Die Ergebnisse gelten dann "als Fenster in dem Kopf des Kindes", d.h. sie geben den LehrerInnen Hinweise darauf, welche Ziele ein Kind bereits erreicht hat, welche nicht, und ermöglichen ggf. kollektive oder individualisierte Schwerpunkte der weiteren Arbeit.

Ich habe mit den Beispielen aus dem Anfangsunterricht, die ich ausgewählt habe, deutlich zu machen versucht, daß gerade in offenen Unterrichtsformen die LehrerInnen den Kindern nur gerecht werden können, wenn sie ein ausreichendes linguistisches Wissen über die Probleme und Möglichkeiten der Kinder bei der Aneignung der sprachlichen Strukturen haben. Vor allem in einem Unterricht, der seine Planung an kindlichen Lernprozessen, nicht an Schulbuchvorgaben orientieren will, muß Klarheit über das bestehen, was die Kinder zu leisten haben. Das Prinzip der Kindorientierung kann als zentrales Prinzip einer offenen didaktischer Planung also erst dann verfolgt werden, wenn bekannt ist, wie die Inhalte strukturiert sind, die sich die Kinder mit den ihnen bereits zur Verfügung stehenden Mitteln erarbeiten müssen. Offener Unterricht setzt das optimale Wissen über die Sache voraus. Es kann nicht ohne eine intensive Beschäftigung mit den Ergebnissen der phonetischen und phonologischen Forschungen erworben werden. Diese haben daher im Zentrum der Grundschullehrerausbildung zu stehen. " (S. 123f.)

 

 

 

©opyright Dagmar Wilde, Berlin, April 2001

letzte Aktualisierung 12.11.2006

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