E-Kurs
Prinzipien Orthografie Inhaltsfelder und Lernvoraussetzungen im Deutschunterricht
des 1 - 4 Schuljahres: Orthografie und Grammatik. Was müssen Lehrer/innen
wissen - was können Schüler/innen lernen?
R.
G. / 10/99
Erinnerungsfragmente:
Erlernen von Rechtschreibung
(Assoziative Verknüpfungen)
Während
des Schreibens dieses Textes über das "Richtig-Schreiben-Lernen"
wird mein Erbe mich wieder an den Ketten reißen lassen. Da gab es
alte Lehrer, die Sprüche kannten, wie "gar nicht wird gar nicht zusammen
geschrieben." Mit dem Werkzeug "Logik" versagt meine Rechtschreibung stets.
Was
blieb von dem tragfähigen Inhalt meines Aufsatzes in meiner bewegten
Erinnerung zurück? "Seele" wird mit zwei "e" geschrieben, "selig"
mit einem oder war es doch umgekehrt? Zeichensetzung soll zur Leseerleichterung
dienen und wo bleiben bei all den Ausnahmen und verschwommenen Regeln
die stützenden Konstanten? Nie wieder kann ich an das alljährliche
Familienfest Weihnachten denken, ohne stets den orthographisch richtigen
Platz für's "h" zu suchen. Meine Deutschlehrerin trainierte mit uns,
an die Notwendigkeit ermahnend, Grammatik, die graue Strickjacke zunächst
mit der linken, hernach mit der rechten Hand über ihre üppige
Oberweite ziehend, deren Fülle die Dehnungsfähigkeit der Jacke
zu überfordern schien. Durch die Ganzwortmethode geprägt und
den damit verbundenen Spruch: "Du kannst ja immer noch nicht richtig lesen"
meiner Schwester wollte und will mir auch heute noch nicht ganz gelingen,
die notwendigen Buchstaben eines Wortes in die korrekte Reihenfolge zu
ordnen. Diktate bleiben die Hölle. Ein alter, verwegener Deutschlehrer
mit kriegerischer Befehlsmanier entlastete mein angeschlagenes Gemüt,
indem er uns ein Diktat schreiben ließ, dem er die Frage anschloss:
"Wer hat unter 30 Fehlern?" War es also doch unmöglich zu lernen
alles richtig zu schreiben?! Übung macht den Meister. Auf mich allein
gestellt erhob ich meinen Radiorecorder zum Übungspartner. Ich diktierte
Texte aus meinem einzigen Lexikon Biographien von Musikern, deren Gesichtszüge
ich anschließend in Kohle porträtierte. Ziel war es, den für's
Diktat zwar gelesenen Text in höchstmöglicher Geschwindigkeit
mitzuschreiben. Wieder und wieder versuchte ich über Wochen die Fehlerzahl
zu senken. Erfolgte jedoch ein schulisches Diktat unbekannten Textes,
so schlugen die Bemühungen nicht an. Meine Schwester war diesbezüglich
faul und übte nie. Sie aber schrieb gute Noten, dachte nicht nach
und die Verwandten waren voll des Lobes für ihr Können. Meinereiner
hingegen wurde nahezu mit Mitleid bedacht. Da aus mir nicht Vergleichbares
werden konnte, wendete ich mich schlechteren Schülern zu, die gibt
es ja immer irgendwo. Ich übte mit Thomas Behnke das angekündigte
Diktat, Mittwochnachmittag 14.30 Uhr, dreimal und - er wurde wirklich
besser. Warum lernte der durch Übung, was mir versagt blieb? Seine
übliche 5 im Diktat wurde eine 3-. Diese Erfahrung prägte meine
Einstellung bis in den heutigen Tag hinein.
Warum
bei all meinen hochmotivierten Bemühungen immer noch keine sinnvolle
Struktur bzgl. Orthographie, Satzbau und Grammatik hängen blieb,
wird wohl im Verborgenen bleiben. Ein Gespür für Grammatik entwickelte
ich erst beim Erlernen der lateinischen Sprache. Diese faszinierte mich
bis zum großen Latinum.
Die
Beherrschung der deutschen Sprache wäre als Werkzeug recht hilfreich,
um die eigenen Gedanken strukturiert für sich selbst fassbar werden
zu lassen und anderen den Nachvollzug zu ermöglichen. Manchmal würde
ich gerne noch mal im Schnelldurchlauf lernen zu schreiben, auf eine Weise
in der nicht fast alles als bekannt vorausgesetzt wird, sondern wo keine
Frage zu dumm ist, versehen mit Tips und Tricks, wo ich das gesuchte Wort
im Duden finden kann, denn: Wenn ich das entsprechende Wort gefunden habe,
weiß ich ja auch, wie's geschrieben wird. Wenn nicht, dann habe
ich einfach keine Chance es zu finden.
"Man
schreibt, wie man spricht." Wenn zuhause aber nicht sauber gesprochen
wird, wenn kein Komma verbalisiert wird, wenn Groß- und Kleinschreibung,
wenn Zusammen- und Getrenntschreibung auch nicht hörbar ist, wie
bringe ich die Laute orthographisch korrekt zu Papier? Wenn die Logik
nicht greift, wenn die Kommaregeln sich in der Fülle der Möglichkeiten
verlieren, wenn der Zweifel vom Nachschlagefall zum Verzweiflungsfall
wird - dann werde alles, bloß nicht Lehrer.
Vielleicht
bietet die Rechtschreibreform eine Chance einen Neustart zu wagen, da
in dieser Umbruchstimmung Zweifel und Fragen erlaubt sind. Große
Orientierungshilfen werden jedoch nicht einheitlich angeboten.
Den
Schülern wünsche ich den leichteren Weg meiner Schwester, ohne
Denken Schreiben zu können. (Nur - sie gebraucht ihr Können
kaum. Ich hingegen muss viel Energien auf die Form verwenden, die ich
gerne den Inhalten widmen würde. So war's schon immer und ist bis
heute geblieben. Warten wir auf den Sprachcomputer - oder?
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