 |
Texte
verfassen ist Planen - Schreiben - Überarbeiten:
Wie schreiben Schriftsteller?
Wie schreiben Schüler/innen?
Michael Ende beantwortet
Fragen von Schülerinnen und Schülern
Quelle: Michael Endes Zettelkasten.
Stuttgart und Wien 1994. (S. 293 ff.)
"Frage: Ich
möchte überhaupt wissen, wie Sie auf all die Ideen gekommen
sind, daß Momo so gut zuhören kann und das mit dem Amphitheater
und mit den grauen Herren und der Schildkröte und den Stundenblumen.
"Die Ideen kommen einem während
des Schreibens. Manchmal ergibt sich eine Idee ganz von selbst, manchmal
muß man auch lange suchen und warten. (...) Ideen haben kann man
auch üben. Es ist tatsächlich Übungssache. Jemand, der
nicht Klavier spielen kann, staunt ja auch darüber, was ein Pianist
fertigbringt. Aber der Pianist konnte das schließlich nicht von
vornherein, einfach so. Er hat viele, viele Jahre geübt. Bei einem
Schriftsteller ist es nicht anders, nur macht er nicht Musik, sondern
er hat Geschichten-Ideen."
Frage: Worauf muß
man achten, wenn man selbst Geschichten schreiben will?
"Vor allem muß man
sich alles, was man erzählen und beschreiben will, ganz genau vorstellen,
so genau, daß man es wirklich in der Phantasie vor sich sieht bis
in die kleinsten Einzelheiten. Das heißt nicht, daß man alles
auch bis in die kleinsten Einzelheiten beschreiben muß. Beim Beschreiben
genügt es dann, sich auf das Wesentliche, das Charakteristische zu
beschränken. Man muß sich also viel mehr vorstellen, als dann
im geschriebenen Text steht. Auf eine merkwürdige und geheimnisvolle
Art überträgt sich diese genaue Vorstellung trotzdem auf den
Leser. Ich habe einmal eine Geschichte geschrieben, die in einem Schuhladen
spielte. Ein Bekannter, der sie gelesen hatte, konnte mir später
diesen Schuhladen genau aufzeichnen; er wußte, wo die Tür war,
wo die Reihe von Stühlen mit den Fußbänken davor, wo das
Schaufenster und wo die Kasse. Alles das entsprach genau der Vorstellung,
die ich beim Schreiben gehabt hatte - obwohl nichts davon in der Geschichte
selbst ausführlich beschrieben wurde."
Frage: Schreiben
Sie einfach los, oder machen Sie sich zuerst einen Plan von dem Buch,
das Sie schreiben wollen?
Das ist ganz verschieden.
Bei den Jim-Knopf-Büchern habe ich tatsächlich einfach losgeschrieben
ohne Plan. Ich habe mit dem ersten Satz angefangen, ohne zu wissen, wie
der zweite lauten würde. Die Geschichte ist erst beim Schreiben entstanden.
Ich war selber manchmal richtig gespannt, wie es weitergehen würde.
Manchmal habe ich auch wochenlang nicht weitergewußt und mußte
warten, bis der richtige Einfall kam. Natürlich habe ich dann nachträglich
alle noch mehrmals überarbeitet, gekürzt oder erweitert oder
umgeschrieben. Ganz anders war es bei Momo oder der Unendlichen Geschichte.
Da habe ich mir vorher viele Pläne gemacht, wieder verworfen, neue
Pläne gemacht usw. Natürlich hat sich dann während des
Schreibens auch noch vieles geändert. Die wichtigste Sache in einem
Schriftstellerzimmer ist ja der Papierkorb. Das meiste von dem, was man
schreibt, wirft man fort. Wenn ihr ein fertiges Buch seht, dann müßt
ihr euch vorstellen, daß der Schriftsteller ungefähr zehnmal
soviel geschrieben hat. Das, was im Buch steht, ist nur das, was ausgewählt
wurde, um gedruckt zu werden."
Mehr über
Michael Ende in
"Der bunte Hund" Nr. 64/2003 (Beltz & Gelberg), S. 50:
Alois Prinz: Michael Ende - Der Retter Phantasiens.
Was
ist Schreiben
Schreiben
ist Handwerk...
...Handwerk
ist das Arbeiten am Text, das Schleifen an Form und Stil, die Textdiskussion
und das wiederholte Überarbeiten bis zum letzten Punkt.
Schreiben
ist Handwerk, ob man den Bleistift benutzt oder den Computer. Von Goethe
erzählt man, er habe seine Texte diktiert und sei dabei im Schreibkontor
auf- und abgeschritten- also Fuß- und Mundarbeit.
Schreiben
ist Sehen...
Aufnehmen,
Arbeiten mit inneren und äußeren Bildern ist eine der wichtigsten
Grundlagen des Schreibens - wer liest, sieht nicht Buchstaben, sondern
Bilder.
Schreiben
beginnt beim Sehen, beim Beobachten, Wahrnehmen und Aufnehmen von Bildern
aus der Welt, die uns umgibt - wer beim Schreiben innere Bilder sieht,
kann sie auch bei Leserinnen und Lesern entstehen lassen.
Wenn
wir schreiben, beleben wir unsere innere Bilderwelt, wir lassen unsere
Geschichte als Film vor unserem inneren Auge ablaufen und beschreiben
den Film.
Schreiben
ist Spielen...
Schreiben
ist auch Spielen, heißt Buchstaben, Wörter, Sätze als
Spielmaterial gebrauchen.
Schreiben
ist Komponieren...
"Das
meiste schreibe ich im Kopf, das heißt nach Gehör, nach Stimme.
Es beginnt im Innenohr. Das Komponieren stelle ich mir ähnlich vor.
Man prüft erst mal jenseits vom Papier die Klänge, die Linien.
Ich laufe sehr viel dabei herum. Es ist schon vorgekommen, dass ich den
ganzen Text im Kopf fertig hatte. Nur weil ich sehr vergesslich bin, mache
ich mir ein paar Notizen. Die werden irgendwann in den Computer übernommen.
Einen Erstausdruck habe ich irgendwo in der Brieftasche bei mir. Und dann
wird wieder verändert, geprüft und gereinigt. Aber das ist nie
das Endergebnis." (Durs Grünbein)
Schreiben
ist Arbeiten...
Arbeit
am Stil kann einen Text verständlicher, einfacher - und damit auch
schöner machen. Die Form eines Textes ist meist vom Medium gegeben,
für das er bestimmt ist. Schreibe ich ins Tagebuch, brauche ich mich
nicht um die Form zu kümmern, selbst die Verständlichkeit spielt
keine Rolle. Will ich jedoch Texte veröffentlichen, muss ich mich
nach gewissen Regeln der Form richten.
Schreiben
ist einsam/gesellig...
Schreiben
ist Medium und Botschaft - Wer schreibt, schreibt nicht immer für
sich selbst, sondern sucht durch den Text als Medium einen Weg zu anderen.
Wer
schreibt, muss nicht einsam sein - Schreiben bedeutet zwar oft einsame
Arbeit, das Gespräch, die Diskussion mit anderen kann aber bei vielen
Schwierigkeiten helfen.
Wer
schreibt, versinkt im Text. Je länger die Arbeit dauert, desto mehr
schwindet die Kritikfähigkeit. Text weglegen, nach Tagen, Wochen,
Monaten hervornehmen, ist eine Möglichkeit, Distanz zu gewinnen.
Lautes Lesen des eigenen Textes vor freundlich kritischem Publikum ist
die beste Selbstkontrolle.
Schreiben
ist Ritual...
...mancher
braucht brennende Kerzen, mancher sein Rotweinglas, mancher einen bestimmten
Kugelschreiber...
Friedrich
Schiller brauchte den Geruch fauler Äpfel, John Steinbeck gut gespitzte
Bleistifte. Steinbeck verwendete je nach Stimmung verschieden harte Bleistifte.
Drei Sorten für "hartschreibende und weichschreibende Tage".
Wann,
wo und womit wir schreiben, ist eine wichtige Frage. Wer entdeckt, daß
er am besten auf dem Bauch liegend mit dem Kugelschreiber seine Texte
entwirft, der sollte sich nicht an den Computerbildschirm zwingen - und
umgekehrt.
Es
heißt, Goethe habe seine Texte diktiert und sei dabei im Schreibkontor
auf- und abgeschritten. Diese Methode hat Vorteile, denn die körperliche
Bewegung regt die Hirntätigkeit an und unterlegt den Sätzen
einen Rhythmus. Einen Text laut sprechen, ihn stimmlich zu gestalten ist
die beste Kontrolle für gute und verständliche Sprache.
Schreiben
ist individuell...
Die
einen brauchen als Werkzeug den Bleistift, die anderen einen bestimmten
Füller, die anderen den Computer - wichtig ist, dass alle ihren persönlichen
Weg finden.
Wann,
wo und womit wir schreiben, ist keine unwichtige Frage: Wer entdeckt hat,
dass er am besten auf dem Bauch liegend mit einem farbigen Filzschreiber
seine Texte entwirft, der sollte sich nicht an einen Computerbildschirm
zwingen - und umgekehrt.
Wie
Schriftsteller schreiben...
(vgl.
hierzu: Der Spiegel special, Heft 10/1996)
Peter
Härtling verfasst den ersten Entwurf im Sechs-Finger-System mit der
Reiseschreibmaschine. Es folgt ein zweiter Gang mit der Hand, "damit ich
merke, wo etwas schief gegangen ist". Im dritten Durchlauf wird der Text
auf Band diktiert, abgehört und in den Computer eingegeben.
Sarah
Kirsch schreibt "ganz viel mit der Hand, denn der Schreibvorgang muss
sich aus dem Gehirn direkt auf das Papier übertragen. Es muss ein
Fluss sein durch meinen Füllfederhalter. Er ist nur die Fortsetzung,
eine mit Tinte gefüllte Flügelfeder. Ich habe mindestens sieben
Füller, mit verschiedenen Federn und Schnelligkeiten."
Walter
Kempowski findet es spannend "am Bildschirm Texte aufzubauen, zu beschneiden
und wieder zu zerstören." Darin sei er "einem Bildhauer nicht unähnlich.".
In seinen Computer scannt er Texte ein. Andererseits erledigt er "das
Kreative" mit einem ausgetüftelten System von Kladden und mehrfarbigen
Stiften. Der elektronische und der manuelle Schreibtrieb funktionieren
reibungslos neben- und miteinander..
Herta
Müller meint, "wenn ich zu Hause bin, schreibe ich meistens auf meinem
Laptop, an einem ganz kleinen Tisch in meinem Zimmer. Bei längeren
Textstücken schreibe ich nebenbei ins Heft, wenn mir bestimmte Passagen
dazu einfallen. Ich benutze ganz billige Kugelschreiber und kaufe immer
gleich zehn Stück davon. Wenn ich beim Schreiben eines Ästhetik
des Materials betreiben würde, das käme mir absurd vor, denn
als ich noch in Rumänien lebte, kriegte man nur mit Glück überhaupt
Kugelschreiberminen oder Tinte. Ich habe eine Zeit lang aus der Fabrik
Papier gestohlen, das weggeschmissen wurde, und die Rückseite zum
Schreiben benutzt."
Uli
Becker betont, "ich schreibe mit einem Füllfederhalter. Das wichtigste
daran ist die weiche Goldfeder. Dazu kommt aber noch der ästhetische
Reiz, den das Schreibgerät haben muss. Auch wenn es nicht in Betrieb
ist, wenn es da liegt. Ruhend auf dem Schreibtisch. Der Füller muss
aus traditionellem Werkstoff sein."
"Oft
schreibe ich einen Satz zehnmal, wieder und wieder und wieder, bis ich
ihn hören kann, bis ich höre, nun ist er so gut wie ich es kann."
(Astrid Lindgren)
"Wenn
man angefangen hat, gibt es immer wieder eine Stelle, wo man stecken bleibt,
die Skier verkanten sich. Praktischer ist es dann aufzuhören. Wenn
es schwer wird, dann stimmt etwas nicht." (Heiner Müller)
"Mit
dem Schreiben beginne ich morgens um neun, ohne Frühstück, denn
Essen macht faul. Meine Manuskripte sehen chaotisch aus, weil ich eine
Seite bis zu zehnmal umschreibe." (Konsalik)
Wie
Schüler/innen schreiben...
Mit
dem Schreiben fange ich erst nach dem Essen an, denn wenn man etwas gegessen
hat, lässt es sich besser schreiben. (Arno)
Erst
schreibe ich einen Text. Dann gucke ich nach, ob es gut klingt. Danach
verbessere ich das, was mir nicht gut gefällt. Ich gucke nach Fehlern
und Grammatikfehlern. Danach schreibe ich ins Reine. (Maria)
Ich
schreibe erst einmal mit dem Kuli oder Bleistift vor. Dann lese ich es
mir fünfmal vor. Wenn es mir beim Lesen nicht gefällt, formuliere
ich den Satz um. (Simone)
Zuerst
lasse ich mir den Text im Kopf rumgehen, dann schreibe ich auf, was mir
gerade einfällt. Danach korrigiere ich den Text, dann erst schreibe
ich ihn ins Reine. (Nadine)
Ich
schreibe einfach das, was mir einfällt, manchmal ist die Geschichte
zu lang, aber eigentlich versuche ich immer, kurz zu schreiben. Aber Überarbeiten
tue ich selten. (Sylvia)
Ich
schreibe meistens viel zu lang, ich lese die Sätze, die ich bisher
geschrieben habe, wenn ich einen neuen Satz fertig habe, um zu sehen,
ob ich etwas verbessern kann. (Xi Hua)
Ich
schreibe so, wie es mir in den Sinn kommt, einfach los. Wenn ich schreibe,
dann schreibe ich und höre erst einmal nicht mehr auf. Irgendwann
höre ich auf und mache Schluss. (Bianca)
Zuerst
mache ich mir ein paar Notizen, dann forme ich aus den Notizen Sätze
und aus den Sätzen einen Text. Ich schreibe alles, was mir einfällt.
Das Unwichtige streiche ich. Die Vorschriften sehen ziemlich unordentlich
aus, weil ich viele Male verbessere. (Marie)
Ich
schreibe erst mit dem Bleistift vor, dann schreibe ich so gut wie möglich
mit dem Füller, und wenn ich damit fertig bin, dann lese ich es noch
einmal nachdenklich durch, und wenn es Fehler gibt, dann verbessere ich.
(Ivana)
Oft
schreibe ich einen Aufsatz oder Manuskripte einfach so, daß ich
Rechtschreiben und Grammatik gar nicht beachte. (Sahin)
Ich
schreibe erst auf dem Blatt, und wenn ich damit fertig bin, lese ich es
zehnmal. Wenn etwas falsch ist, das verbessere ich. Das schreibe ich immer
am Abend. (Nerma)
Ich
schreibe oft mit meinen Gedanken und Phantasien, dabei verliere ich immer
die Konzentration auf Fehler und Grammatik. (Jing)
Und
wie schreiben Sie?
Texte
planen - schreiben - überarbeiten (Schreibkonferenzen)

|
|