Zum
Umgang der Lehrenden mit den Texten der Lernenden
nach
Glinz, Elly, in: Praxis Schule 6/1996, S. 37: Gedanken - Empfindungen
- Thesen - Korrekturhilfen.
1. In
jeder Korrektur steckt ein subjektiver Anteil
Ich
fühle mich nicht zu allen Schreibstilen meiner Schüler,
zu ihren Textaufbaumustern und dargestellten Inhalten auf gleiche
Weise hingezogen.
Ich
bin nicht in jeder Korrektursituation auf gleiche Weise entspannt,
frisch, aufnahmefähig.
Muss
ich 15 oder 20 Schülertexte hintereinander korrigieren, dann
hat sich - wenn ich beim letzten angelangt bin - meine Korrekturhaltung
möglicherweise etwas verändert.
Völlige
Objektivität ist eine Illusion. Diese Einsicht ist der erste Schritt
zu Korrektur- und Bewertungskompetenz.
2. Alle
meine Schüler haben ein Schreibpotenzial
An
mir liegt es, es zu entdecken, individuell zu fördern und dabei
immer zuerst das zu sehen (und in der Beurteilung hervorzuheben),
was jede einzelne Schülerin/jeder einzelne Schüler schon
kann.
3. Schülertexte
im ersten Durchgang noch nicht in Korrekturhaltung lesen
Einfach
ein/e interessierte/r Leser/in sein und die spontanen Leseerlebnisse
in einigen Stichwörtern festhalten.
Rechtschreibung
und grammatische Korrektheit anfangs möglichst ausblenden (sofortiges
Registrieren von Mängeln in der äußeren Form von Texten
verstellt leicht das Erkennen der inneren Qualitäten).
4. Erst
im zweiten Durchgang bewusst auf Stärken und Schwächen achten
Die
innere wie die äußere Form eines Textes so aufmerksam,
so einfühlsam und so objektiv als möglich überprüfen.
Zwei
Durchgänge mit ganz verschiedenen Lesehaltungen können Fehlkorrekturen
vermeiden helfen und die Gesamtbeurteilung optimieren.
5. Wenn
nötig (und möglich) schon im Entwurfsstadium Schreibhilfen anbieten
Schüler/innen,
die Anregungen sachlich wie sprachlich erfassen und verwerten können,
zeigen wichtige Teilfähigkeiten im Texteverfassen.
Frustrationen
durch viele und eventuell umfangreiche Korrekturen in der Reinschrift
können weitgehend vermieden werden.
6. In
die Beurteilung auch die Vorarbeiten zu den Texten einbeziehen
Stichwortnotizen,
Aufbauskizzen, Entwurfsblätter geben mindestens in Ansätzen
Aufschluss über den Entstehungsprozess des Textes. Das ist oft
hilfreich für eine gerechte Beurteilung und richtungweisend für
Hilfestellungen beim Schaffen von neuen Texten.
7. Bei
der Beurteilung in Noten zwei verschiedene Ziele unterscheiden
Ziel
1: Jede Schülerin und jeden Schüler mit sich selbst vergleichen,
d. h. aktuelle Leistungen an früheren messen.
Ziel
2: Eine möglichst gerechte Rangordnung innerhalb der Klasse anstreben,
besonders dann, wenn alle zum gleichen Thema geschrieben haben.
Ziel
1 ist das wichtigere Ziel, Ziel 2 ist eher ein notwendiges Übel.
8. Korrigieren
und Bewerten im Team - einen Kriterienkatalog erstellen
Korrigieren
und Bewerten von einzelnen Texten in Kooperation mit Kolleginnen oder
gemeinsam mit einer Schülergruppe fördert die eigene Korrektur-
und Bewertungskompetenz.
Kriterien
können den Lernenden beim Entwerfen und Überarbeiten als
Leitfaden dienen - den Lehrenden zur Objektivierung von Korrektur
und Bewertung.
Zu
engmaschige und perfektionistische Kriterienkataloge können aber
schwer handhabbar werden und Lernende wie Lehrende einengen statt stützen.
Das betrifft besonders Lernende, die eigenwillig und kreativ schreiben
und Lehrende, die den Lernenden viel Freiraum für selbstgesteuertes
Schreiben zugestehen.
9. Kommentare
zu Schülerarbeiten sensibel und mit Takt formulieren
Lehrerkommentare
zu Schülerarbeiten beeinflussen nicht nur das Lernklima und die
Lernfähigkeit. Sie
werden oft ein Leben lang nicht vergessen - als den Selbstwert
stärkendes oder schwächendes Ereignis.
10. Für
persönliche Gespräche mit den Schülern Zeit haben
Sich
Zeit nehmen innerhalb einer normalen Deutschstunde, z. B. wenn die
Klasse mit freiem Lesen in Büchern, mit einem größeren
selbst gesteuerten Projekt, mit einer Werkstatt oder mit Wochenplanarbeit
beschäftigt ist.
Dagmar
Wilde Seminarpapier Fachseminar VU 1997
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