|
|
|
|
|
|
||
Zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung und ihren Konsequenzen für den GrundschulunterrichtManuskript des Referats anlässlich der Fachseminarveranstaltung am 30.09.98Rechtschreibung ist entstanden durch Übernahme der lateinischen RS-Regeln auf die deutsche Sprache ('qu' auf diese Weise ins Deutsche gekommen); zur Zeit Goethes herrschte gewisse Toleranz, insgesamt damalige RS der heutigen weitgehend entsprechend
ÜberblickNeuregelung setzt Erlass von 1902 und Dudenerlass von 1955 außer Kraft; seit diesem Zeitpunkt war die - privatwirtschaftliche - Dudenredaktion für Änderungen und Regelungen verantwortlich. Entthronung des Duden, da dieser in Zweifelsfällen nicht mehr maßgebende Instanz, sondern eine "Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung" (angesiedelt am Institut für deutsche Sprache in Mannheim) mit Auftrag: Beobachtung der Entwicklung der deutschen Rechtschreibung und Erarbeiten von Vorschlägen zur Reform. Bei
der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung handelt es sich nicht um
eine Reform, vielmehr um Weiterentwicklungen, Schrift + Buchstaben sind
ja erhalten geblieben, keine tiefen Eingriffe in Systematik erfolgt, Ausnahmen
wurden reduziert. Ziel war es Handhabung, Erlernbarkeit, Lehrbarkeit,
praktisches Schreiben zu erleichtern (Undurchsichtigkeit des alten Regelwerks
entstand durch Veränderungen der Sprache, Hinzufügungen etc.)
- (zu 90% wirkt sich Vereinfachung der Regeln in realen Texten auch gar
nicht auf Wortbilder aus! Setzt man für die geschriebene Sprache
einen standardsprachlichen Grundwortschatz von etwa 15.000 Wörtern
an, dann ändert sich die Schreibweise bei etwa 600 dieser Wörter.) Mit "Veränderung der Schreibweise" kann dabei Unterschiedliches gemeint sein.
Grundprinzipien
Es ist unmöglich, im Schnelldurchgang alle Bereiche der Neuregelung so zu vermitteln, dass nicht hinterher größte Verwirrung herrscht. Es soll heute deshalb darum gehen, die Grundprinzipien der Neuregelung im Bereich der Groß- und Kleinschreibung sowie Getrennt- und Zusammenschreibung deutlich zu machen. Relativ überschaubare Änderungen vorab (also doch: "Crash-Kurs"):Zeichensetzung, Komma vor 'und'In diesem Bereich wurde die Zeichensetzung vereinfacht. Es wird zukünftig kein Unterschied gemacht, ob 'und' einzelne Wörtter, Wortgruppen, Nebensätze oder Hauptsätze verbindet. Nach der bisherigen Regel musse im letzten Fall ein Komma gesetzt werden, bei durch 'und' verbundenen Nebensätzen, Wörtern oder Wortgruppen durfte jedoch keins gesetzt werden. StammprinzipUmlautschreibung: überschwänglich, Bändel, schnäuzen (in großschnäuzig war die ä Schreibung bereits existent) - aufwendig oder aufwändig (entweder von aufwenden oder Aufwand) Konsonantenverdopplung: nummerieren - platzieren - Stukkateur Drei Konsonanten: Flanelllappen - Flusssand - Balletttänzer (konsequente Beibehaltung aller Konsonanten - Bindestrichregelung eröffnet hier aber Flexibilität) Einzelfälle: Rohheit - Zierrat - selbständig/selbstständig beide Möglichkeiten - rau (wie blau, schlau, grau) - Känguruh wie Gnu, Kakadu s- Schreibung: Der Ersatz von ß durch Doppel-s nach kurzem Vokal ist in allen Texten die mit Abstand häufigste Neuschreibung. Die neue Systematik ist überzeugend: Im Sinne des Stammprinzips verhält sich demnach Doppel-s wie alle anderen Konsonanten. Der Buchstabe ß hat zukünftig lediglich die Aufgabe darauf hinzuweisen, dass der vorangehende Vokal lang gesprochen wird. Worttrennung am Zeilenende:Trennung erfolgt nach Sprechsilben. (s-t: Wes-pe wie Wes-te) Einzelvokalbuchstaben dürfen abgetrennt werden (O-ma) Ausnahmen:
Sonstiges
Inhalte GS Kl. 1-4: relevante Neuregelungen
Kindern dürfte Umstellung weniger schwer fallen, da weder die Regeln (ss-ß) noch die Schemaschreibungen schon stark gefestigt sind. Konsequenzen für den RechtschreibunterrichtIn der fachdidaktischen Literatur finden wir seit längerem - lerntheoretisch begründete - Positionen, die uns dringend nahe legen, eine andere Sicht des Fehlers zu entwickeln. Fehler sind nicht mehr als Zeichen von Defiziten, sondern als Hinweis auf das Können und die Lern- bzw. Schreibstrategien des Schreibers/der Schreiberin zu deuten. Mit Fehlern umgehen zu lernen, sie als Lernchance zu nutzen, ist vordringliches Ziel des Rechtschreibunterrichts. Fehlersensibilität zu entwickeln, d.h. mit Zweifeln in Bezug auf eine Schreibung aktiv umzugehen, muss grundlegender Bestandteil allen Rechtschreiblernens sein. Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung bietet viele Anlässe, an Fehlern problemorientiert und konstruktiv zu arbeiten. Schülerinnen und Schüler können miterleben, wie Erwachsene - weil sie auch Lernende bzw. Umlernende sind - mit ihren Rechtschreibzweifeln umgehen. Lautes Nachdenken, Bilden von Hypothesen, Aktivieren von Regeln und schließlich Nachschlagen im Wörterbuch werden Modelle für erfolgreiches Rechtschreiben. Für den Rechtschreibunterricht in der Schule bedeutet dies, möglichst von Beginn an und kontinuierlich
Was tun im 1. Schuljahr?Die
Berücksichtigung der Neuregelung beim Anfangsunterricht im Lesen
und Schreiben im 1. Schuljahr erscheint wenig problematisch. Rechtschreibunterricht ist im 1. Schuljahr als Sicherung des Fibel-Grundwortschatzes in Lese- und Schreiblehrgang integriert. Der Grund- bzw. Klassenwortschatz eines 1. Schuljahres ist aber nur in wenigen Fällen überhaupt von der Neuregelung betroffen. Neuschreibungen in Fibeltexten sind vor allem jene aus dem Bereich der Stärkung des Stammprinzips - und hier vor allem die Schreibung 'ß' oder 'ss'.
Im
übrigen wird man zu Beginn des 1. Schuljahrs gewiss noch keine Rechtschreibregeln
(Nach kurzem Vokal schreibt man ss, nach langem Vokal ß) lehren. Klasse 2 - 4Ein didaktisches Problem stellt sich erst mit dem irgendwann notwendigen Widerrufen bereits vermittelter Regeln und Schreibweisen. Rechtschreibunterricht in der Primarstufe zielt in erster Linie auf die sichere Beherrschung eines Rechtschreib-Grundwortschatzes (der sich aus dem Häufigkeitswortschatz, dem Klassenwortschatz (aus anderen Fächern, situativen Bezügen etc.) und dem Wortschatz der individuell bedeutsamen Wörter zusammensetzt. Rechtschreibkompetenz
wird vor allem durch Die Umstellung auf die Neuregelung wird also in der Grundschule vor allem im Ersatz überholter Einzelwortschreibungen bestehen. Die Arbeit mit individuellen Rechtschreibkarteien leistet hier gute Dienste. Da
das morphologische Prinzip ("Wortverwandte") ein tragendes Prinzip der
Neuregelung ist und hier auch manche (nicht alle...) Ausnahmen beseitigt
worden sind, kann sich der Blick im Rechtschreibunterricht natürlich
nicht nur auf Einzelwörter richten. Unproblematisch dürften die Veränderungen bei der Silbentrennung sein. Die Trennbarkeit von 'st' und die Nichttrennbarkeit von 'ck' haben ja nun nur zur Folge, dass keine Ausnahmen mehr gelernt werden müssen. Hier genügt ein entsprechender Hinweis an geeigneter Stelle im Unterricht. Alle übrigen Themen der Rechtschreibreform sollten erst in der Sekundarstufe behandelt werden, mit einer Ausnahme: der Groß- und Kleinschreibung. Die neue Kleinschreibung aller Anredepronomen im Brief (mit Ausnahme der überall groß zu schreibenden Höflichkeitsanrede Sie) beseitigt ebenfalls nur eine Sonderregelung und dürfte Kindern leicht fallen. Anders verhält es sich bei der Großschreibung von Substantivierungen/Nominalisierungen. Für Grundschüler ist es zum Teil noch recht schwer, die Wortartenzugehörigkeit sicher zu bestimmen, noch schwerer aber, einen Wortartenwechsel zu erkennen. Hier sollte noch stärker als bisher auf den vorhandenen Artikel als Erkennungsmerkmal für Substantive/Nomen hingewiesen werden. Damit lassen sich Neuregelungen wie 'der Erste', es ist 'das Beste' systematisch den existierenden Regelungen zuordnen wie 'das Schwimmen', 'die Größe'... Ggf. erst in der Sekundarstufe sollten wohl die schwierigeren Fälle der Großschreibung behandelt werden: der mit einer Präposition verschmolzene Artikel (zum Besten geben, fürs Erste), die Flexionsendung als Kasuskennzeichen (ihm als Einzelnem) und die erweiterte Großschreibung von substantivierten Adjektiven in festen Redewendungen (im Dunkeln tappen, seine Schäfchen ins Trockene bringen). Wilde Seminarpapier FS VU 98
|
||
|
©opyright Dagmar Wilde, Berlin, April 2001 letzte Aktualisierung 07.04.2003Sofern
im Einzelfall nicht anders geregelt und soweit nicht fremde Rechte betroffen
sind, ist eine Verwendung der Dokumente als Teile oder als Ganzes in gedruckter
und elektronischer Form für den schulischen Bereich sowie Ausbildungszwecke
gestattet, unter der Voraussetzung, dass die Quelle. Ohne vorherige schriftliche Genehmigung durch die Verfasser/innen ist eine kommerzielle Verbreitung der auf diesem Server liegenden Dokumente ausdrücklich untersagt.
These
pages belong to Permission is hereby granted to use these documents for personal use and in courses of instruction at educational institutions provided that the articles are used in full and this copyright statement is reproduced. Permission is also given to mirror these documents on WorldWideWeb servers. Any other usage is prohibited without the written permission of the author. Please mail.
|
||
|
|
||