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Jutta Leutgeb Juli
1998
1. SPS Marzahn (L)
Klasse 1
1.1 Thema der Unterrichtseinheit:
Die Geschichte vom Sams
1.2 Gliederung der Unterrichtseinheit
1. Std.: Wie kam
das Sams zu Herrn Taschenbier? - Lesetexte, Hörspiel, Erzählen und
Aufgaben zum Textverständnis
2. Std.: Blaue Punkte und ein Taucheranzug! - Lesetexte, Malen und Erzählen
3. Std.: Das Sams und Ich! - Angeleitetes Schreiben
4. Std.: Abschied vom Sams! - Vervollständigen des Heftes, Lesetexte
1.3 Begründung der Stoffauswahl
Die Klasse 1a lernt
mit der Fibel "Lesezauber" aus dem Verlag Volk und Wissen. Der Kinder-
und Jugendbuchautor Paul Maar schrieb die darin enthaltenen Reime und Geschichten.
Bereits auf der ersten Buchstabenseite ist eine kleine Abbildung des Sams zu
finden. Die Figur begleitete die Kinder durch den Buchstabenlehrgang als lustiger
Begleiter und "Buchstabenspieler" hin und wieder auch als Sprüche-Macher
- ohne dass sie mehr als ihren Namen erfuhren. Der weiterführende Leseteil
der Fibel enthält "Die Geschichte vom Sams", die Paul Maar eigens für
die Fibel geschrieben hat. Sie ist nicht identisch mit der aus seinem Kinderbuch
"Eine Woche voller Samstage".
Das aus der Geschichte entstandene kleine Leseprojekt (im Sinne von Karin Babbe)
soll den SchülerInnen einen freudvollen Abschluss des ersten Schuljahres
bringen.
Zum Inhalt der Geschichte
Das von Paul Maar 1973 veröffentlichte Kinderbuch "Eine Woche voller Samstage" erzählt die Erlebnisse, die Herr Taschenbier mit einem Sams hat: Herr Taschenbier ist ein ängstlicher Mensch. Er fürchtet sich vor seiner Zimmerwirtin, vor seinem Chef und überhaupt vor allen Leuten, die schimpfen und befehlen - bis ihm eines Samstags ein Sams über den Weg läuft. Es sagt einfach "Papa" zu Herrn Taschenbier und beschließt kurzerhand, bei ihm zu bleiben. Das Sams ist ein furchtloses, ja beinahe respektloses Wesen, das sich von nichts und niemandem einschüchtern lässt, das überall freche Bemerkungen macht und zurückschimpft, wenn andere schimpfen. Herrn Taschenbier ist das anfangs furchtbar peinlich und er versucht auf alle möglichen Arten, das Sams wieder loszuwerden. Aber seltsam: Je länger es bei Herrn Taschenbier bleibt, desto lieber gewinnt er das Sams. Und am Schluss wird aus dem braven, ängstlichen Herrn Taschenbier ein selbstbewusster Mensch, der gelernt hat, sich zu behaupten. Neben anderen äußeren Auffälligkeiten - Rüsselnase, knallroter Haare, Taucheranzug - hat das Sams die Besonderheit, dass sein Gesicht voller blauer Punkte ist. Es sind Wunschpunkte, mit denen sich Herr Taschenbier die unterschiedlichsten Wünsche erfüllen kann. Zunächst wünscht sich Herr Taschenbier häufig, dass sich das Sams ruhig und brav verhält, damit sie nicht auffallen und sich keinen Ärger einhandeln. Auch einige arbeitsfreie Tage und ein gutes Essen hat Herr Taschenbier den Wunschpunkten zu verdanken. Sogar der ausgefallene Wunsch, dass es in seinem Zimmer schneit, geht in Erfüllung. Mit dem letzten Wunschpunkt wünscht sich Herr Taschenbier schließlich eine Wunschmaschine.
Überlegungen zum Schreiben
Ich folge hier
dem "theoretischen Schreibprozessmodell" von Gudrun Spitta.
Als "Kompaktform" der Schreibprozesstheorie bietet das Modell ein handlungsleitendes
Schema für konkrete unterrichtliche Planungs- und Reflexionsprozesse.
Global gesehen können beim Prozess des Schreibens vier in sich hochkomplexe
Subprozesse unterschieden werden:
1. Motivations-
und Zielbildungsprozesse
Zunächst muss ein/e Schreiberln sich der eigenen Motivation zum Schreiben
bewusst werden, zumindest diese verspüren, damit daraus eine konkrete Zielsetzung
entstehen kann.
2. Prozesse
des Gedankengenerierens und des Bereitstellens von Wissen
Nach erfolgreich durchlaufener Zielbildung werden in unserem Gehirn das
eigentliche Schreiben vorbereitende (und begleitende) Aktivitäten in Gang
gesetzt.
Unser mentales Lexikon wird nach geeigneten Informationen für den Text
durchforstet (Inhalte, Textsorte, Sprachwahl, Stil, Format). Reichen diese Informationen
nicht aus, wird auf externe Wissensspeicher (Bücher, Auskünfte von
anderen Personen) zurückgegriffen. Auf diese Weise wird eine erste globale
Vorstellung vom zukünftigen Text gewebt - ein mentaler Textentwurf entsteht.
3. Produktionsprozesse
Bei den eigentlichen Schreibprozessen, also bei den konkreten Vorgängen
des "Zu-Papier-Bringens" werden für den Beobachter mindestens drei Typen
von unterschiedlichen Schreibverhaltensweisen konkret sichtbar:
Bei der linear-logischen Variante wird im Stinne eines Flussdiagramms sehr bewusst
Stück für Stück des Textes nach Plan und in logischer Folge zu
Papier gebracht.
Im Gegensatz dazu steht die kreativ-chaotische Produktionsdynamik, bei der hier
ein Stückchen Text - vielleicht zunächst das Kernstück oder das
Ende - geschrieben wird und da ein Teilchen - vielleicht eine Sammlung geeigneter
Begrifflichkeiten - erstellt und zwischendurch mal die Überschrift festgehalten,
am Ende aber auch ein ganzer Text entstanden sein wird.
Und schließlich ist sehr häufig die Anwendung einer Art Mischstrategie
aus beiden Varianten je nach Situation, Verfassung, Textsorte und Absicht zu
beobachten.
4. Evaluierungsprozesse
Unter diesem Begriff werden gedankliche Überprüfungsmodalitäten
zusammengefasst, bei denen Schreiber/innen sich mit Blick auf das selbstgesetzte
Ziel darüber vergewissern, ob eine erfolgreiche schriftliche Kommunikation
zustande kommen kann. Dazu wird mental ein Perspektivenwechsel vorgenommen.
Man schlüpft gedanklich in die Adressatenrolle und liest den soweit entstandenen
Text mit den Augen eben dieser Person. So wird der Text hypothetisch auf die
mögliche Wirkung beim Adressaten in bezug auf das eigene Ziel überprüft.
Wird der bisher entstandene Text als "gut oder passend" akzeptiert, bleibt er
so stehen. Fällt die Überprüfung des Textes auf die mögliche
Wirkung in Bezug auf die eigene Schreibabsicht hin jedoch negativ aus, so beginnt
eine neue Runde im "Schreibprozesskarussell": Unter Berücksichtigung des
selbstgesetzten Schreibziels werden nun mögliche Ideenvarianten oder völlig
neue Ideen entwickelt, wird erneut geschrieben, wiederum evaluiert. Erst nach
erfolgreichem Durchlaufen dieser Bewertungs- und Überarbeitungsprozesse
findet der Schreibprozess sein Ende.
Von besonderer Bedeutung erscheint mir die Aussage "Schreiben heißt Überarbeiten". Das Evaluieren und gegebenenfalls Revidieren, egal ob damit rein gedankliches oder reales Überarbeiten des noch mentalen bzw. schon realen Textes gemeint ist, stellt insgesamt den zentralen geistigen Prozess beim Schreiben dar.
Das vorgestellte Schreibprozessmodel ist allgemein für das Schreibverhalten kompetenter erwachsener Schreiberinnen akzeptiert. Den Untersuchungen Spittas (u.a., z.B. Feilke, Dehn) zufolge, verläuft auch der kindliche Schreibprozess nach eben diesem Modell: "Kindliche Schreibprozesse verlaufen nach eben dem Modell des erwachsenen kompetenten Schreibers, allerdings bei weniger ausgefeilten Abläufen in den einzelnen Subprozessen, aber als Gesamtprozess identisch mit diesem Modell. Und diese Erkenntnisse beziehen sich nicht erst auf Schreibprozesse von Dritt- oder Viertklässlem, sondern bereits auf die ersten Schreibaktivitäten von Schulanfängern! Beobachtungen kindlicher Schreibentwicklungen, über Jahre hin dokumentiert, zeigen, dass - wenn Kinder die Möglichkeit haben, mit Texten eigenaktiv zu experimentieren - sie sich in einer Art individueller Stufenfolge der Differenziertheit und Entfaltetheit des Schreibprozesses kompetenter Erwachsener annähern." (Spitta, S. 28.)
3.1 Intentionen der UE
Im Rahmen eines kreativen Umgangs mit einem Kinderbuch
3.2 Stundenziel
Die Schülerinnen setzen sich sowohl kreativ als auch produktiv mit einer Besonderheit der Sams-Figur - den blauen Wunschpunkten - auseinander, indem sie einen eigenen Wunsch aufschreiben.
3.3 Teillemziele
Die SchülerInnen
Das Arbeiten mit Freien Texten und Schreibkonferenzen ermöglicht es "im Rahmen der ganz alltäglichen Schulroutine Freiräume zu erobern, in denen Kinder schreibend, vorlesend und miteinander nachdenkend Lust und Freude daran entdecken, sich selbst schriftlich mitzuteilen, auszutauschen und dabei 'ganz nebenbei' ihre sprachlichen, selbstreflektorischen und kommunikativen Fähigkeiten zu entfalten". (Spitta, S. 14.)
Mit diesem Konzept
eines "anderen" Schreibunterrichts im Hinterkopf wurde die vorliegende Stunde
geplant. Angepasst an die Unterrichts- und Klassensituation - unser Unterricht
ist nicht nach den Prinzipien "der Freien Arbeit oder der Arbeit nach Wochenplan"
(Spitta, S. 45.) organisiert und, was nocheinmal betont wird, es handelt sich
um eine erste Klasse - habe ich davon einige Elemente übernommen.
In dieser Stunde des angeleiteten Schreibens werden die Kinder durch die Aufforderung
"Schreibt auf, was ihr euch mit einem Wunschpunkt des Sams wünschen würdet!",
angeregt kurze Texte zu verfassen. Eine starke Motivation geht dabei von der
Figur des Sams aus:
Die SchülerInnen der Klasse 1a haben bereits drei Versuche im Bereich des angeleiteten Schreibens unternommen und sind im großen und ganzen mit der Arbeitsweise vertraut. Trotzdem ist es nötig, die Kinder immer wieder auf die Arbeitsschritte hinzuweisen. Folgendes Vorgehen (in der Phase des Schreibens) ist beabsichtigt:
Erfahrungsgemäß handelt es sich bei den Fragen der Schülerlnnen meist um Unsicherheiten bei der Rechtschreibung. Viele Kinder haben das Bedürfnis, so "recht" wie möglich zu schreiben. Es ist von Bedeutung (nach Kochan, in: Spitta S. 264/265), den Kindern zu signalisieren, dass die Rechtschreibung auch bei der Produktion von eigenen Texten wichtig genommen wird. Ich tippe daher die Texte der Schülerinnen ab und gebe die Ausdrucke in der folgenden Stunde an die Autorinnen aus.
In der Regel haben die Kinder ein großes Interesse daran, dass ihre Texte veröffentlicht werden. Das geschieht in der Vorleserunde am Ende der Stunde. Meist können aber nur noch wenige SchülerInnen ihre Texte vorlesen. Daher werden alle Texte an der Tafel befestigt und können in den Pausen oder nach Schulschluss gelesen werden.
Als Lernhilfen für die Partnerarbeitsphase bzw. die Einzelarbeitsphase dienen
1. Wortkarten,
die den organisatorischen Ablauf darstellen:
So arbeitet ihr:
1. schreiben
2. lesen
3. Hilfe holen
4. Hilfe geben.
Die Wortkarten - die Begriffe und die Reihenfolge - sind den Schülerinnen bereits aus früheren Schreibversuchen bekannt.
2. Wortkarten, die eine inhaltliche Unterstützung bieten: Liebes Sams, ich wünsche mir.... In der Phase der inhaltlichen Erarbeitung werden ein oder mehrere Möglichkeiten genannt, wie der Satzanfang formuliert werden kann. Eine Variante wird an der Tafel befestigt, denn erfahrungsgemäß brauchen einige Kinder trotz vorausgehender mündlicher Erarbeitung diese Hilfe in der Schreibphase ("Ich weiß nicht wie ich es machen soll!"). An diesem Punkt wird sehr deutlich, von welcher Komplexität das Schreiben ist. Denn Schreiben bedeutet
Freies Schreiben - eigene Wege gehen. Spitta, Gudrun (Hrsg.). 1997.
Freies und angeleitetes Schreiben. Beispiele aus dem Vor- und Grundschulalter. Blumenstock, Leonhard / Renner, Erich (Hrsg.). 1990.
Maar, Paul: Eine Woche voller Samstage. 1997 (2).
Vorläufiger Rahmenplan für Unterricht und Erziehung in der Berliner Schule. Grundschule Klasse 1 bis 6. Deutsch. Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport (Hrsg.). 1997.
1. Phase: Einstieg, ca. 3 Min.
Begrüßung und Sammlung der Kinder mit einem Bewegungslied
2. Phase: Inhaltliche Erarbeitung, ca. 10 Min. Sitzkreis
- Ln regt das Erinnern
an die Sams-Geschichte an. - Ln gibt Hinweise zur Gesprächsführung.
- Ln fordert genaues Erzählen über die Wunschpunkte. - Sch erzählen
nach, was es mit den Wunschpunkten auf sich hat und nennen einige Wünsche
des Herrn Taschenbier.
- Ln fragt danach, was sich Sch wünschen würden und gibt bekannt,
dass der Wunsch aufgeschrieben werden soll. - Als Beispiel tragen wenige Sch
ihre Wünsche vor. - Ln fragt nach Begründung für den Wunsch.
- Ln arbeitet den Beginn des Satzes heraus; möglicher Satzbeginn:
"Liebes Sams ich wünsche mir..."
"Hallo Sams ich wünsche mir..." und legt vorbereitete Wortkarten in die
Mitte des Sitzkreises.
Nach Bedarf wird hier eine Entspannungsübung durchgeführt.
3. Phase: Erarbeitung der Arbeitsweise, ca. 5 Min. Sitzkreis
- Ln klappt eine
Tafelseite auf, daran sind folgende Wortkarten befestigt:
So arbeitet ihr:
1. schreiben
2. lesen
3. Hilfe holen
4. Hilfe geben
- Ln gibt kurze Hinweise zu den einzelnen Punkten.
Ln erläutert die Möglichkeit, alleine oder mit einem Partner zu schreiben.
Sch finden sich zur Partnerarbeit.
4. Phase: Schreiben, ca. 15 - 20 Min. Partnerarbeit / Einzelarbeit
- Sch, die mit
Partner arbeiten sprechen sich ab.
- Sch schreiben auf vorbereiteten Blättern.
- Sch erbitten von Mitsch oder von Ln Hilfe.
- Sch lesen ihre fertigen Texte.
- Sch nehmen am "Helfersystem" teil und nehmen möglicherweise in Ansätzen
eine Überarbeitung vor.
- Ln führt schwächere Sch (insgesamt 5 Kinder), die möglicherweise
keine Partner gefunden haben, oder lieber alleine arbeiten wollen in die Arbeit
mit vorbereiteten Lernhilfen ein.
- Ln hilft auf Nachfrage.
5. Phase: Auswertung ca. 5 - 10 Min. Sitzkreis
- Sch lesen ihre
Texte vor.
- Ln fordert Kinder auf, den Texten unter folgenden Kriterien zuzuhören:
- Sind es leicht oder schwer zu erfüllende Wünsche?
- Ist es ein ausgefallener Wunsch?
- Sch kommentieren kurz die Wünsche.
- Sch befestigen ihre Wunschzettel an der Tafel.
©opyright Jutta Leutgeb, Berlin, Januar 2000
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06.04.2003