Jutta Leutgeb
09.12.98
1. SPS Marzahn (L)
Klasse 2

Entwurf für eine Unterrichtsstunde im vorfachlichen Unterricht (Lernbereich Deutsch)
Lesespuren - Erfinden einer Geschichte zu den Hauptfiguren aus dem Kinderbuch

1 Planungszusammenhang

1.1 Thema der Unterrichtseinheit

"Die Eisenbahn-Oma" von Paul Maar

1.2 Gliederung der Unterrichtseinheit

Annäherung an das Buch

Versinken im Buch

Wege aus dem Buch

2 Bezug zum Rahmenplan / Begründung der Themenwahl

Der Berliner Rahmenplan für den Deutschunterricht der Grundschule führt im Bereich "weiterführendes Lesen" der Klasse 1/2 das Lernziel "Kennenlernen und inhaltliches Erfassen längerer Texte" an und bezieht sich dabei auf den Lerninhalt Kinderbuch (S. 48). Darüber hinaus ermöglicht die Arbeit mit einem Kinderbuch, dass Lernziele aus allen Teilbereichen des Deutschunterrichts verbunden werden können, wie es im allgemeinen Teil des Rahmenplans gefordert wird (S. 6). In der geplanten Einheit sind alle Teilgebiete wechselseitig aufeinander bezogen (mündlicher Sprachgebrauch, Lesen, Texte Verfassen, Rechtschreiben, Sprachbetrachtung).

3 Sachdarstellung

Zum Buch

Das von Paul Maar 1981 veröffentlichte Buch "Die Eisenbahn-Oma" ist zu den realitätsorientierten Kinderbüchern zu zählen. Wobei nach Michael Sahr (1993, S. 133) darauf hinzuweisen ist, dass eine säuberliche Abgrenzung der beiden Bereiche - fantasieorientiertes und realitätsorientiertes Kinderbuch - immer problematisch und umstritten ist.

Es ist in der Kinderbuchreihe "Sonne Mond und Sterne", die vom Oetinger Verlag speziell für Leseanfänger konzipiert wurde, erschienen und enthält den Hinweis "In großer Schrift fürs erste Lesealter".

Kindliche Hauptperson und Identifikationsfigur der Geschichte ist Ulli. Ulli geht in die zweite Klasse, hat nun aber Herbstferien und bringt den Mut auf, allein von Stuttgart nach München mit dem Zug zu fahren um seine Tante und Kusine zu besuchen. Im Zug lernt er eine alte Frau kennen, von der er zunächst eigentlich nichts wissen will, weil er denkt, dass es mit ihr sowieso nur langweilig sein kann. Mit der Zeit entpuppt sich diese alte Frau aber als Eisenbahn-Oma, die wunderbar von früher erzählen kann, herrlich lange G-Sätze bilden und verrückte Gedichte reimen kann, Rätsel und Tricks kennt. Mit ihr vergeht die Zugfahrt wie im Flug.

An diesem Buch lassen sich vor allem drei inhaltliche Schwerpunkte für die Arbeit im Unterricht festmachen:

Neben diesen (interessanten) Ansatzpunkten für die Auseinandersetzung mit dem Buch ist es vor allem das breite Identifikationsangebot der beiden Hauptfiguren, das mich zur Auswahl des Buches für meine Klasse bewogen hat:

Er zeigt sowohl Mut als auch Angst und Zweifel, er ist abweisend aber auch interessiert und kann gut zuhören.

Sie ist mutig, aktiv und einfallsreich, aber auch klischeehaft dargestellt: sie ist technisch unbegabt.

Überlegungen zur Annäherung an Kinderbücher

Alle drei in der Literatur zu findenden Verfahrensweisen (analytisches, synthetisches und integratives Verfahren) für den Umgang mit Kinder- und Jugendbüchern in der Schule gehen davon aus, dass vor dem eigentlichen Lesen eine Phase der Annäherung an das Buch nötig ist.

Karin Babbe (1996, S. 9) betont, dass es stark vom Buch selber abhängt, welche Angebote zur Annäherung gemacht werden können. Neben 12 anderen Eröffnungsmöglichkeiten nennt sie das Mitbringen von Realien. Karl Landherr (1991, S.69) sieht die Notwendigkeit, daran die Antizipation von Textteilen bzw. der Geschichte anzuschließen.

4 Unterrichtsvoraussetzungen

Ich kenne die Klasse 2a seit genau einem Jahr und unterrichte seit Beginn des Jahres 1998 wöchentlich drei Stunden selbständig im vorfachlichen Unterricht in den Lernbereichen Deutsch und BK. Für die Durchführung dieser Unterrichtseinheit werden mir vier Stunden wöchentlich zur Verfügung stehen, so dass wir (die Kinder und ich) donnerstags eine Doppelstunde für den vielfältigen Umgang mit dem Kinderbuch zur Verfügung haben werden. Die aufgeweckte Klasse besteht aus 13 Jungen und 14 Mädchen. Die meisten Kinder besitzen die Fähigkeit in Arbeitsphasen kooperativ und konzentriert auf einem relativ hohen Leistungsniveau zu arbeiten. Ich unterrichte aber in diesem Schuljahr auch zwei "letzte" Stunden (Mo: 4.Std. und Do: 5.Std.) und muss dann häufig feststellen, dass die Schüler und Schülerinnen schon sehr erschöpft und unruhig sind.

Es ist das erste Mal, dass die Kinder ein ganzes Buch im Unterricht lesen und bearbeiten. Bisher wurden von mir aufbereitete Teile aus Kinder- und Bilderbüchern gelesen bzw. vorgelesen (Sendak "Wo die wilden Kerle wohnen", Maar "Eine Woche voller Samstage", Moser "Mein Baumhaus"). Jedoch haben sich einige Schülerinnen und Schüler immer wieder Kinderbücher ausgeliehen und gelesen, die ich mitbrachte. Die Lesefähigkeit der Kinder umfasst die ganze in der Literatur (z.B. Menzel, Wedel-Wolff) dargestellte Breite: etwa sechs "motivierte Vielleser/innen", zwei Drittel "durchschnittliche Schulleser/innen" und drei Kinder, die als "KaumLeser/innen" zu bezeichnen sind. Ebenso ist das Vermögen, selbständig Texte zu verfassen, in der Klasse breit gefächert. Zunehmend mehr Kinder können sinnvoll aufeinander bezogene Sätze und kleine Geschichten schreiben. Andere haben noch Schwierigkeiten, mehr als einen Satz zu Papier zu bringen. Im Rahmen meines Unterrichts hatten die Schülerinnen und Schüler immer wieder die Aufgabe, Wünsche und Meinungen aufzuschreiben, kleine Texte zu Bildern zu verfassen und Geschichten zu Ende zu schreiben. Die Vorgehensweise, sich langsam, durch das Legen von Lesespuren, einer Geschichte anzunähem, habe ich schon mit den Kindern durchgeführt.

Die Klasse ist sowohl an Einzel- als auch an Partnerarbeit gewöhnt und ist in der Lage, sich bei Wahlmöglichkeiten selbständig für Themen, Medien und Sozialformen zu entscheiden. Der Stuhlkreis gehört zum Schulalltag.

5 Didaktische Reduktion

Ziel der Stunde ist es, dass die Kinder die beiden Hauptfiguren (von denen sie nur wenig wissen) einer Geschichte (die sie nicht kennen) zueinander in Beziehung setzen. Die Fantasie der Schülerinnen und Schüler wird einerseits durch die Realien (Koffer mit Sachen des Jungen und einer Fahrplanauskunft), andererseits durch den Begriff "Eisenbahn-Oma" angeregt. Im Sinne einer Reduktion beschränke ich mich bei der Aufgabenstellung auf folgende Fragen, die den Kindern helfen sollen, eine Geschichte zu schreiben: Wo treffen sich die Hauptfiguren? Unter welchen Umständen treffen sich die Hauptfiguren? Was machen sie zusammen? Eine weitere Ausführung der Geschichte ist begrenzt durch die zeitliche Vorgabe in der Arbeitsphase und dadurch, dass die vorhandenen Informationen für die meisten Kinder sicherlich nicht viel mehr "hergeben". Ein tieferer Einstieg in die Geschichte über die Hauptfiguren erfolgt in der nächsten Stunde, indem das Titelbild des Buches intensiv betrachtet und kommentiert wird und ein dazu passender Textausschnitt bearbeitet wird.

6 Lernziele

6.1 Intentionen der UE

Die Schülerinnen und Schüler

6.2 Stundenziel

Die Schülerinnen und Schüler schreiben in Einzel- oder Partnerarbeit eine
Geschichte, in der die Hauptpersonen aus dem Kinderbuch von Paul Maar "Die Eisenbahn-Oma" vorkommen und die Informationen, die die Schülerinnen und Schüler über die Personen haben, eingearbeitet sind.

6.3 Teillernziel

Die Schülerinnen und Schüler

7 Didaktisch - methodische Überlegungen

Im Mittelpunkt der Stunde steht die Annäherung an das Buch "Die Eisenbahn-Oma". Das Buch bekommen die Schülerinnen und Schüler erst in der dritten Stunde der Unterrichtseinheit selbst in die Hand. Erst dann beginnt der Prozess des individuellen Versinkens der Kinder in das Buch. "Um sich in ein fruchtbares, freudvolles Leseabenteuer zu stürzen, hat es sich in der Praxis als überaus nützlich und sinnvoll erwiesen, mit der Annäherung an das Buch zu beginnen. ( ... ) Die Kinder sollen die Möglichkeit bekommen, langsam dem jeweiligen Buch nahe zu kommen." (Babbe, S. 9) Als Zugangsmöglichkeiten zum Buch habe ich die Hauptfiguren gewählt. Ober mitgebrachte Realien (Koffer mit Kleidung, Spielzeug, Schreibheft eines Jungen und eine Zugauskunft) können die Kinder die eine Hauptperson erschließen. Ober die andere Hauptperson erfahren die Schülerinnen und Schüler nur wenig und sollen, hauptsächlich über den Begriff "Eisenbahn-Oma", Vermutungen anstellen. Daran schließt sich das Erfinden eigener Geschichten der Kinder an. "Dieses Vorausdenken fördert nicht nur Kreativität und Fantasie, es steigert auch das Leseinteresse." (Landherr, S. 69) Auch das Nachdenken über das Titelbild (2. Std. der UE) führt die Kinder näher an die Hauptpersonen heran. Bei der Annäherung über die Hauptpersonen steht den Kindern mehr Raum zum eigenen Erfinden zur Verfügung als beispielsweise bei einem Zugang über eine markante Szene der Geschichte. Ich habe mich auf Grund der größeren Offenheit und des darin liegenden Angebots an die Fantasie der Kinder für den vorliegenden Weg entschieden. Hatten die Kinder Zeit, sich auf ein Thema einzulassen, sich einem Buch zu nähern, Vorfreude zu entwickeln und neugierig zu werden, dann trifft die Begegnung mit dem Buch auf einen vorbereiteten, emotional positiv gestimmten Leser, der gespannt wissen möchte, was hinter allem steckt.

Die Form der schriftlichen Fixierung der von den Kindern erfundenen Geschichten in Partner oder Einzelarbeit habe ich hauptsächlich deshalb gewählt, weil die Schülerinnen und Schüler in solchen Arbeitsphasen in der Regel sehr produktiv sind. Es könnte allerdings sein, dass die Kinder in der vierten Stunde und nach dem Sportunterricht nicht mehr so leistungsfähig sind.

Eine Alternative wäre das Aufnehmen der Geschichten auf Kassette. Das kann ich aber aus technischen Gründen nicht anbieten.

Die Kinder können mit einem Partner gemeinsam schreiben, das hat neben der Entlastung der schwächeren Schülerinnen und Schüler (Meist schreibt dann der, dem es leichter fällt.) auch den Vorteil, dass ein Reflektieren und Miteinander-Sprechen über den Inhalt und das Geschriebene stattfindet. Im Fall, dass sich zwei leistungsschwache Kinder (insgesamt 5 Kinder) als Partner wählen oder ein leistungsschwaches Kind allein arbeiten möchte, habe ich ein Arbeitsblatt vorbereitet, auf dem Satzanfänge stehen, die die Kinder zu ganzen Sätzen ergänzen können. Somit findet eine Entlastung statt, weil sich der Schreibumfang verringert und die Kinder schon eine Satzkonstruktion vorfinden.

In der Regel haben die Kinder ein großes Interesse daran, dass ihre Texte veröffentlicht werden. Das geschieht in der Vorleserunde am Ende der Stunde. Meist können aber aus Zeitgründen nur wenige Schülerinnen und Schüler ihre Texte vorlesen. Daher werde ich die Texte aushängen, nachdem ich sie durchgesehen habe. So können sie in den Pausen gelesen werden. Sollten die Schülerinnen und Schüler in der Arbeitsphase ihre Geschichte nicht fertig geschrieben haben, wird die Auswertungsphase als Zwischenbericht genutzt. In der nächsten gemeinsamen Stunde wird dann weitergeschrieben.

8 Literatur

9 Medien

Stoffbär / Koffer mit Kleidung, Spielzeug, Zahnbürste und Schulheft eines Jungen 1
Fahrplanauskunft /
Wortkarten: Ulli, 2. Klasse, Stuttgart, München, Eisenbahn-Oma,
Zug. Frau Brückner,
Überlege: Wo treffen sie sich?,Wie lernen sie sich kennen?, Was machen sie zusammen?

10 Verlaufsplanung

1. Phase: Einstieg. 3 Min.

2. Phase: Inhaltliche Einführung, 10 Min. Sozialform: Sitzkreis.

3. Phase: Aufgabenstellung, 10 Min. Sozialform: Sitzkreis.

4. Phase: Schreiben, 15-20 Min. - Sozialform: Partner- oder Einzelarbeit.

5. Phase: Auswertung, 5-10 Min. Sozialform: Sitzkreis.

Anhang: Text AB:

Ulli und die Eisenbahn-Oma

Uli und die Eisenbahn-Oma treffen sich...

Sie lernen sich kennen, weil...

Sie machen etwas zusammen: sie...

©opyright Jutta Leutgeb, Berlin, Januar 2000


 

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06.04.2003


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